Virginia Woolf

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Virginia Woolf (1882-1941; gebürtig Adeline Virginia Stephen) war eine englische Schriftstellerin, Verlegerin, Essayistin, Tagebuchverfasserin, sowie Literatur- und Kulturkritikerin, die als Wegbereiterin der literarischen Moderne gilt. Aufgewachsen unter dem Einfluss viktorianischer Erziehungsideale, blieb ihr als Frau eine reguläre Schul- und Universitätsausbildung verwehrt. Durch ihren Vater, Leslie Stephen (1832–1904), war Woolf als Mitglied einer Intellektuellenfamilie jedoch mit den wichtigsten literarischen und kulturellen Strömungen der vorherigen Jahrhunderte vertraut (vgl. Gordon, 1984, S. 74-77). Es war unter anderem diese Vorbildung, die sie befähigte, neben ihrer schriftstellerischen Laufbahn Gründungsmitglied und Mittelpunkt der intellektuellen Bloomsbury Group und Mitbegründerin der Hogarth Press (1917) zu werden, welche maßgeblich an der Verbreitung moderner englischer und amerikanischer Literatur in Großbritannien beteiligt waren. Trotz oder gerade wegen dieser, für Frauen jener Zeit eher ungewöhnlichen, persönlichen Erfolge, verhandelte Woolf wiederkehrend die geteilten Lebens- und Bildungssphären der Geschlechter, sowohl in ihrer erzählenden Prosa als auch in einem Teil ihrer kritischen Essays. Insbesondere die prototypisch-feministischen Essaywerke A Room of One’s Own (Ein Zimmer für sich allein, 1999b) und Three Guineas (Drei Guineen, 2001a) sowie die in dem Sammelband Frauen und Literatur (1989a) zusammengestellten Essays wurden innerhalb der feministischen Literaturwissenschaft und feministischen Kritik ab Anfang der 1970er Jahre am stärksten rezipiert. Auch autobiografische Aspekte Woolfs zogen durch die Veröffentlichung ihrer Tagebücher (vgl. Woolf, 1990, 1994, 1999a, 2003, 2008) und die späte Herausgabe von bis dato unveröffentlichten und sehr persönlichen Essays (vgl. Woolf, 2012) große Aufmerksamkeit auf sich. Woolf ist jedoch nicht nur als historische Person, sondern gerade durch ihr literarisches, essayistisches und (kultur-)politisches Schaffen ein für die Gender Studies komplexer Untersuchungsgegenstand. [1]

Woolfs 1929 publizierte Abhandlung A Room of One’s Own ging aus zwei Reden hervor, die sie an den Frauencolleges Newnham und Girton in Cambridge hielt, und gilt insbesondere in der anglo-amerikanischen feministischen Kritik als eine der wichtigsten Auseinandersetzungen des frühen 20. Jahrhunderts mit weiblichem (Geschichts-)Schreiben. In A Room sind die laut Woolf fehlende weibliche Schreibtradition und Geschichtsschreibung nicht etwa biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern geschuldet, sondern vielmehr den materiellen Umständen der durch das Geschlecht determinierten sozialen Rolle, wie dem Fehlen von Bildung, Kapital und Zeit (vgl. Woolf, 1999b, S. 25-28). Die Auswirkungen dieses Mangels zeigt Woolf beispielhaft an der fiktiven Figur der Judith Shakespeare, Williams ebenso begabter wie unbekannter Schwester, auf (vgl. Woolf, 1999b, S. 54-56). Als Lösungen für die Probleme, mit denen schreibende Frauen konfrontiert sind, sieht Woolf einerseits das titelgebende Zimmer, das die für kulturelles Schaffen unabdingbare Ungestörtheit repräsentiert, und andererseits die finanzielle Unabhängigkeit, die durch 500 Pfund jährlich erreicht werden könne (vgl. Woolf, 1999b, S. 120). Gleichzeitig nutzt Woolf in ihrem Erzählen über weibliche Leben die narrative Strategie der Spekulation, um eine alternative Geschichtsschreibung zu imaginieren und zu ermöglichen (vgl. Saloman, 2014, S. 76-83). Ein ästhetisches Konzept innerhalb derselben Abhandlung ist die von Woolf proklamierte, erstrebenswerte Androgynität des Schreibens, welche sie in der harmonischen Verbindung von männlichen und weiblichen Elementen beschreibt, die jene zweigeschlechtlichen Elemente, welche sie in eines jeden Menschen Bewusstseins verankert sieht (vgl. Woolf, 1999b, S. 114-117). In der 1938 publizierten Schrift Three Guineas (Drei Guineen, 2001a) entwickelt Woolf einige dieser Thesen weiter; so definiert sie ihr Androgynitätskonzept nun deutlicher von der sozialen als von der ästhetischen Seite her (vgl. Nünning & Nünning, 1991, S. 102-104). Des Weiteren verbindet sie erkennbar die patriarchalische Gesellschaftsform mit aufstrebendem Militarismus, Faschismus und Krieg – eine Position, für die sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von Kritiker_innen wie Q.D. Leavis und E.M. Forster angegriffen wurde (vgl. Leavis, 1948; Forster, 1942, S. 23; Silver, 1983, S. 254-276; Snaith, 2000, S. 1-168; Zwerdling, 1986, S. 243-270). [2]

Während Woolf für ihr literarisches Werk bereits zu ihren Lebzeiten Anerkennung erhielt, findet eine kritische Rezeption von Woolfs essayistischen Texten, welche sich mit weiblichem Schreiben und Lesen, Frauengeschichtsschreibung und weiblicher Ästhetik befassen, erst seit Mitte der 1970er Jahre statt. In ihrer Betrachtung von A Room merkt Ellen Bayuk Rosenman an, dass sich gerade diese feministische Kritik als die am häufigsten vertretene Herangehensweise an Woolfs Werk etabliert hat (vgl. Rosenman, 1995, S. 19). Obwohl die französische Feministin, Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1908-1986) zu den frühsten Rezipient_innen von Woolfs feministischen Texten zählt (vgl. Villeneuve, 2002, S. 27-29), findet eine tiefgehende Analyse zuerst im anglo-amerikanischen Raum und vor allem rund um A Room statt. So exerziert Elaine Showalter 1977 eine extensive feministische Kritik an Woolfs Texten durch. Woolfs darin fehlende Radikalität beklagt sie als Anbiederung an ein männliches Publikum (vgl. Showalter 1988, S. 282-289); zudem hinterfragt sie Woolfs Argumente zur Androgynität des Schreibens (vgl. Showalter, 1988, S. 263-297). Im Gegenzug hierzu lesen Sandra Gilbert und Susan Gubar Woolf in ihrem ersten gemeinsamen Werk (1979) deutlich positiver und übernehmen wesentliche Annahmen aus A Room (vgl. Gilbert & Gubar, 2000, S. 20-23, S. 188-94, S. 202-207, S. 539-580). Diese grundlegenden Auseinandersetzungen zwischen Showalter auf der einen und Gilbert und Gubar auf der anderen Seite rezipiert Toril Moi (1989) und verweist in einer eigenen Lektüre sowohl auf Schwächen als auch auf versteckte Stärken der Woolf’schen Analyse in A Room, um diese für eine genderfokussierte Kritik weiter nutzbar zu machen (vgl. Moi, 1989, S. 11-32). [3]

Neben A Room wird ab den 1980er Jahren verstärkt besonders die Schrift Three Guinees für die Gender Studies geöffnet (vgl. Marcus, 1987, 1988; Bowlby, 1988) und gilt seitdem als ein wesentliches Dokument innerhalb dieser Interdisziplin (vgl. Briggs, 2006, S. 310). Außerdem werden neue Analyseansätze für diese und weitere essayistische Schriften Woolfs erprobt, die zum Beispiel auf jüngere Forschungskonzepte wie die der Intersektionalität rekurrieren. So ist unter diesem Aspekt seit den frühen 1990ern vermehrt Kritik an Woolfs Texten formuliert worden, die vor allem Identitätskategorien wie class und race betrifft (vgl. Ezell, 1990; Reid, 1991, S. 52-53; Rusk, 2002, S. 15-30). Die von manchen Wissenschaftler_innen postulierte Universalität von Woolfs Thesen im Bezug auf weibliches Schreiben und Leben (vgl. Marcus, 1981, 1987; Hawkes, 1981) wird dadurch auf produktive Weise in Frage gestellt. Die genderwissenschaftliche Kritik seit den 2000er Jahren ist durch den Einbezug verschiedener Identitätskategorien, Theorien und Methodologien vielfältiger geworden. Diese Vervielfältigung der Herangehensweisen lässt Kritiker_innen zudem dazu übergehen, Woolfs Essays mit Hilfe ihrer Romane zu erschließen, um weitere Lesarten zu ermöglichen, welche neue oder bisher nicht beachtete Antworten auf diese sich verändernden Kritiken bieten (vgl. Briggs, 2006; Wood, 2013, S. 27-62, S. 63-102). [4]

Woolfs erzählende Prosa weist ein ebenso hohes Potential für genderfokussierte Betrachtungen auf wie ihre feministischen Essays, denn gerade hier werden theoretische Kritik und Beobachtungen der Lebenswelt vermischt und in chiffrierten Narrativen umgesetzt. Unter anderem durch die psychoanalytischen Lesarten nach Juliet Mitchell (1974) und Nancy Chodorow (1978) konnten Woolfs Ideen und Konzeptionen in Bezug auf Geschlecht, (Anti-)Feminismus und Teilhabe verdeutlicht werden (vgl. Bowlby, 1988; Heilbrun, 1988; Marcus, 1987). In diesem Zusammenhang sind ihre Romane To the Lighthouse (1989b), The Waves (2001b), Mrs. Dalloway (1976), The Voyage Out (1992a), Night and Day (1992b) und Orlando (2014) zu nennen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Erfahrungen im patriarchalen System, Freiheitsbestrebungen der Protagonistinnen, der Suffragettenbewegung, Antifeminismus, Androgynität und Geschlechterwechsel sowie nicht-heterosexuellem Verlangen beschäftigen (vgl. Wheare, 1989). Diesen feministischen und genderwissenschaftlichen Analysen von Woolfs erzählender Prosa werden seit den späten 1980er Jahren, verstärkt seit den frühen 2000ern, lesbische sowie queere Lesarten zur Seite gestellt (vgl. Barber, 1997; Swanson, 2007; Schulz, 2011). [5]

  • Literatur:

     

    Barber, S. (1997). Lip-reading. Woolf’s secret encounters. In E. K. Sedgwick (Hrsg.), Novel gazing. Queer readings in fiction (Series Q, S. 401–443). Durham, NC: Duke University Press.

    Bowlby, R. (1988). Virginia Woolf. Feminist destinations (Rereading literature). Oxford: Blackwell.

    Briggs, J. (2006). Virginia Woolf. An inner life. London: Penguin Books.

    Chodorow, N. (1978). The reproduction of mothering. Psychoanalysis and the sociology of gender (1. Aufl.). Berkeley: University of California Press.

    Ezell, M. J. M. (1990). The myth of Judith Shakespeare. Creating the canon of women's literature. New Literary History, 21 (3), 579–592.

    Forster, E. M. (1942). Virginia Woolf. Cambridge: Cambridge University Press.

    Gilbert, S. M. & Gubar, S. (2000). The madwoman in the attic. The woman writer and the nineteenth-century literary imagination. New Haven: Yale University Press.

    Gordon, L. (1984). Virginia Woolf. A writer's life. Oxford, New York: Oxford University Press.

    Hawkes, E. (1981). The magical garden of women. In J. Marcus (Hrsg.), New feminist essays on Virginia Woolf (S. 31–60). Lincoln: University of Nebraska Press.

    Heilbrun, C. G. (1988). Writing a woman's life. New York: Norton.

    Leavis, Q. D. (1948). Caterpillars and commonwealth unite. In E. Bentley (Hrsg.), The importance of scrutiny (S. 382–391). New York: George Stuart.

    Marcus, J. (1981). Thinking back through our mothers. In J. Marcus (Hrsg.), New feminist essays on Virginia Woolf (S. 1–30). Lincoln: University of Nebraska Press.

    Marcus, J. (1987). Virginia Woolf and the languages of patriarchy. Bloomington: Indiana University Press.

    Marcus, J. (1988). Art and anger. Reading like a woman. Columbus: Ohio State University Press.

    Mitchell, J. (1974). Psychoanalysis and feminism. A radical reassessment of Freudian psychoanalysis. New York: Basic Books.

    Moi, T. (1989). Sexus, Text, Herrschaft. Feministische Literaturtheorie. Bremen: Zeichen + Spuren.

    Nünning, V. & Nünning, A. (1991). Virginia Woolf zur Einführung. Hamburg: Junius.

    Reid, S. (1991). To the lighthouse. Basingstoke: Macmillan.

    Rosenman, E. B. (1995). A room of one's own. Women writers and the politics of creativity. New York: Twayne Publishers.

    Rusk, L. (2002). The life writing of otherness. Woolf, Baldwin, Kingston, and Winterson. New York: Routledge.

    Saloman, R. (2014). Virginia Woolf's essayism. Edinburgh: Edinburgh University Press.

    Schulz, D. (2011). Setting the record queer. Rethinking Oscar Wilde's "The Picture of Dorian Gray" and Virginia Woolf's "Mrs. Dalloway". Bielefeld: transcript.

    Showalter, E. (1988). A literature of their own. British women novelists from Bronte to Lessing (15. print). London: Virago Press.

    Silver, B. R. (1983). Three Guineas before and after. Further answers to correspondents. In J. Marcus (Hrsg.), Virginia Woolf. A feminist slant (S. 254–276). Lincoln, Neb.: University of Nebraska Press.

    Snaith, A. (2000). Wide circles. The three guinea letters. Woolf Studies Annual, 6, 1–168.

    Swanson, D. (2007). Lesbian Approaches. In A. Snaith (Hrsg.), Palgrave advances in Virginia Woolf studies (Palgrave advances, S. 184–208). Basingstoke: Palgrave Macmillan.

    Villeneuve, P.-É. (2002). Virginia Woolf among writers and critics. The french Intellectual scene. In M. A. Caws & N. Luckhurst (Hrsg.), The reception of Virginia Woolf in europe (S. 19–38). London, New York: Continuum International Publishing.

    Wheare, J. (1989). Virginia Woolf. Dramatic novelist. London: MacMillan Press.

    Wood, A. (2013). Virginia Woolf's late cultural criticism. The genesis of 'The Years', 'Three Guineas' and 'Between the Acts'. London: Bloomsbury Publishing.

    Woolf, V. (1976). Mrs. Dalloway. London: Grafton Books.

    Woolf, V. (1989a). Frauen und Literatur. Essays. Frankfurt am Main: S. Fischer.

    Woolf, V. (1989b). To the lighthouse. London: Grafton Books.

    Woolf, V. (1990). Tagebücher. 1915-1919. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

    Woolf, V. (1992a). The voyage out. Oxford: Oxford University Press.

    Woolf, V. (1992b). Night and day. Oxford: Oxford University Press.

    Woolf, V. (1994). Tagebücher. 1920-1924. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

    Woolf, V. (1999a). Tagebücher. 1925-1930. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

    Woolf, V. (1999b). Ein Zimmer für sich allein. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag.

    Woolf, V. (2001a). Ein eigenes Zimmer / Drei Guineen. Zwei Essays. Frankfurt am Main: S. Fischer.

    Woolf, V. (2001b). The waves. Cambridge: Cambridge University Press.

    Woolf, V. (2003). Tagebücher. 1931-1935. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

    Woolf, V. (2008). Tagebücher. 1936-1941. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

    Woolf, V. (2012). Augenblicke des Daseins. Autobiographische Skizzen (Gesammelte Werke). Frankfurt am Main: S. Fischer.

    Woolf, V. (2014). Orlando. An autobiography. Oxford: Oxford University Press.

    Zwerdling, A. (1986). Virginia Woolf and the real world (English literature). Berkeley, Calif.: University of California Press.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Frotscher, Mirjam (2015). Virginia Woolf. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

  • Persistente URN:

     

    urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-219530 (Langzeitarchiv-PDF auf Qucosa-Server)


miriamfrotscherMirjam M. Frotscher studierte Amerikanistik, Kunstgeschichte und Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Technischen Universität (TU) Dresden, an der sie 2010 als Magistra Artium abschloss. Seitdem ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik und Amerikanistik der TU Dresden tätig. Derzeit arbeitet sie an ihrer Doktorarbeit zur Darstellung von trans* und intergeschlechtlichen Charakteren in der englischsprachigen Literatur. Seit 2007 ist sie zudem in verschiedenen inner- und außeruniversitären Kontexten in der Gleichstellungsarbeit aktiv und ist eine der Begründer_innen der Dresdner Hollaback! Plattform (dresden.hollaback.org) zur Sichtbarmachung und Entgegnung von (sexualisierter) Belästigung im öffentlichen Raum.

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