Ethnomethodologie und Geschlecht

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Die Prozesse der stetigen, interaktiven und lokalen Herstellung („ongoing accomplishment“, Garfinkel, 1967, S. 1) der Alltagswirklichkeit zu untersuchen, ist das Anliegen der Ethnomethodologie, die dem interpretativen Paradigma der Soziologie zugerechnet wird. Ihre leitende Frage lautet: Welcher Praktiken bedienen sich Gesellschaftsmitglieder, um die geordnete Struktur ihrer Alltagswelt interaktiv hervorzubringen (vgl. Garfinkel 1967, S. 4 & S. 11)? Geschlecht wird entsprechend als ein interaktiv hergestelltes Merkmal sozialer Ordnung begriffen. [1]

In der stetigen interaktiven Hervorbringung der Alltagswirklichkeit müssen Handelnde ihr Handeln wahrnehmbar und verstehbar machen. Sie haben dafür Sorge zu tragen, dass indexikalische Ausdrücke, die immer mehr Sinn mit sich führen als in einer Situation aktualisiert wird, adäquat entindexikalisiert werden; das heißt: Akteure haben das Hintergrundmuster (den Kontext), an das die Ausdrücke reflexiv rückgebunden sind, im Handeln mitherzustellen. Diese Praktiken nennt Garfinkel (Doing) Accounts. Accounts sind also solche indexikalischen Handlungen, die reflexiv an den Kontext ihrer lokalen Produktion angebunden und daher (mittels der dokumentarischen Methode) zu entindexikalisieren sind, d. h. dass sie wahrnehmbar, verstehbar, berichtbar, interpretierbar sind (vgl. Garfinkel, 1967, S. 10-34). Gemäß der dokumentarischen Methode, die Garfinkel von Mannheim entlehnt, stehen so Ausdrücke stets für ‚etwas‘, mithin als Hinweis auf ein zugrunde liegendes Muster. [2]

Jene Praktiken der Verständigung werden zumeist nicht bewusst wahrgenommen, sind jedoch für den Ethnomethodologen / die Ethnomethodologin beobachtbar. Schließlich zeigen sich die Gesellschaftsmitglieder mit ihnen an, wie sie innerhalb konkreter Situationen diese Situationen verstehen, geben sich z.B. innerhalb von konkreten Situationen als Personen einer bestimmten Kategorie zu erkennen. Besonders deutlich fällt diese Herstellungsleistung ins Auge, wenn sie scheitert, wie Garfinkel in seinen Krisenexperimenten verdeutlicht. Es lassen sich dann die sozialen Konstruktionsprozesse der Wirklichkeit insbesondere anhand von Abweichungen aufspüren. Typische Beispiele dafür sind Versprecher oder Double-Binds. Zu letzteren ein Beispiel: Eine Person ist offensichtlich wütend und bringt alle Anzeichen des ‚Wütend-Seins‘ auf, hält eine lautstarke Standpauke und gestikuliert wild entschlossen und konfrontativ. Dann aber, inmitten dieser Situation, muss die Person unwillkürlich lachen – ein Double-Bind, der wohl jedem Menschen schon einmal begegnet ist. Den Beschimpften ist nun die Möglichkeit gegeben, das Hintergrundmuster, auf dessen Folie die aktuellen Äußerungen seines Gegenübers bislang zu interpretieren waren, neu auszuhandeln. Es kann reagieren mit einem ‚Da musst du ja selbst lachen‘ und versuchen, auf einen anderen Aspekt der gemeinsamen Beziehung zu verweisen, in dessen Licht die Situation neu auszulegen ist, also ein neues Hintergrundmuster veranschlagen. Garfinkels Konzept der Accountability ist vor allem in seiner folgenreichen und Schule machenden Studie über die Mann-Frau-Transsexuelle Agnes und die interaktive Her- und Darstellung des Geschlechts zentral (Doing Gender bzw. Undoing Gender). [3]

  • Literatur:

    Garfinkel, H. (1967). Studies in ethnomethodology (Social and political theory). Cambridge: Polity Press.

  • Zitationsvorschlag:

    Geimer, A. (2013). Ethnomethodologie und Geschlecht. In Gender Glossar / Gender Glossary (3 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

Gelesen 12909 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 03 Juli 2013 16:37

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Jun. Prof. Alexander Geimer studierte Sozialwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim und der Eberhard Karls Universität Tübingen und schloss 2005 mit Magister Artium ab. Zwischen 2005 und 2007 war er unter anderem wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Freien Universität Berlin (FU), arbeitete als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Carl Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Pädagogik) und als Projektleiter für die „Evaluation des Prüfverfahrens der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)“. 2009 wurde er aufgrund seiner Arbeit „Filmrezeption und Filmaneignung. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie über Praktiken der Rezeption bei Jugendlichen“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Bis 2012 nahm er verschiedene Lehraufträge (unter anderem an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) an, arbeitete erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung) und wurde im April 2012 zum Junior-Professor für Soziologie, insbesondere Methoden qualitativer Sozialforschung, an die Universität Hamburg berufen.

Kontakt:  alexander.geimer@wiso.uni-hamburg.de

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