Jineterismo

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Der sogenannte jineterismo, eine neuartige Form der Sexarbeit in Kuba, entstand im Zuge des Zusammenbruchs des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW bzw. Comecon) und dem damit verbundenen aufkommenden Tourismus-Boom auf der Insel. [1]

Die Bezeichnung leitet sich vom Substantiv jinetero, Reiter, ab. Diese Wortschöpfung ist typisch für kubanischen Wortwitz. Er verweist auf die kubanischen Unabhängigkeitskriege 1868-1878 und 1895-1898, in denen sich die mambises, die kubanischen Soldaten, gegen die spanischen Kolonisatoren auflehnten und gegen diese in den Kampf zogen. Im período especial nun zögen, so der kubanische jineterismo-Experte Amir Valle, die Kubaner_innen in den Überlebenskampf mithilfe der Tourist_innen. Quintessenz sei, dass die mambises ebenso für ihre Freiheit kämpften wie die Kubaner_innen heute – nur mit dem Unterschied, dass „letztere Freiheitsluft schnuppern, die nach Dollars riecht“ (vgl. Valle, 2001, S. 7). [2]

Der Tourismusboom der neunziger Jahre implizierte einen größeren Geldfluss ausländischen Kapitals nach Kuba. Aufgrund der Tatsache, dass Tourist_innen Devisen besaßen (und besitzen), boten und bieten sie vornehmlich jugendlichen Kubaner_innen die Möglichkeit, begehrte Waren in den sogenannten chopins, den Devisenläden, einzukaufen. Dies war bis weit in die neunziger Jahre die einzige Möglichkeit, an westliche Waren zu kommen, da Kubaner_innen keinen Zutritt zu diesen Läden hatten. Das Begehren nach solchen Konsumgütern wurde in jenen Jahren immer stärker und im Zuge der politischen Umbruchverhältnisse und sozialen Unsicherheiten forciert. Konsum funktionierte gewissermaßen als Kompensator für verlorene politische Ideale der Elterngeneration. Aber er hatte auch ganz praktische Gründe: Viele lebensnotwendige Lebensmittel waren außerhalb der Devisenmärkte schlichtweg nicht mehr vorhanden. [3]

Um den ihnen verwehrten Zugang zu Waren zu nutzen, boten (bieten) viele junge Kubaner_innen Tourist_innen im Austausch sexuelle Dienste an. Inzwischen wird der Begriff jineterismo häufig auch über den sexuellen Bereich hinaus auf alle Tätigkeiten übertragen, die dem jinetero oder der jinetera Devisen einbringen (vgl. Más Farías, 2004, S. 106). Die Bedeutungserweiterung ist jedoch nicht unumstritten, da diese meist ausschließlich mit einer ironischen Note des Begriffs erklärt wird. Die sexuelle Konnotation des Begriffs lässt sich aber definitiv feststellen und ist auch wissenschaftlicher Konsens. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Mädchen und Frauen trotz jener Erweiterung des Phänomens nach wie vor am stärksten in diese neue Form der Prostitution involviert sind. Männer hingegen übernehmen meist die Rolle des sogenannten chulos, des Zuhälters. [4]

Vor allem Jugendliche verbinden das Stigma der Prostitution mit der Vergangenheit (vgl. Elizalde, 1996, S. 24-25; Vasallo Barrueta, 2004, S. 26) und sehen die Betätigung als jinetera/-o vornehmlich als finanzielle Chance. Dieser Wandel der moralischen Wertevorstellungen in der jüngeren Generation hat auch Einfluss auf den Umgang der Eltern mit jineterismo, sodass „das Klima der Toleranz, das in einigen Familien herrscht, dafür [sorgt], dass viele Eltern sich über die zusätzlichen Dollars freuen, die aus der Prostitution ihrer Kinder in die Familienkasse fließen“ (Más Farías, 2004, S. 107). Ziel vieler jineteras/-os ist die Heirat mit einer Nichtkubanerin / einem Nichtkubaner, da jene immer noch die am wenigsten bürokratisch aufwendige Weise ist, aus Kuba zu emigrieren und in andere Länder immigrieren zu können. [5]

  • Literatur:

    Elizalde, R. M. (1996). Flores desechables. Prostitución en Cuba? Ciudad de La Habana, Cuba: Ediciones Abril.

    Más Farías, S. (2004). Weder Bordell noch Paradies. Die neue Prostitution und die Reaktionen der Gesellschaft. In M. Lang (Hrsg.), Salsa Cubana, Tanz der Geschlechter. Emanzipation und Alltag auf Kuba (Konkret Texte, Bd. 37, S. 101–116). Hamburg: KVV konkret.

    Valle, A. (2001). Habana Babilonia. Prostitutas en Cuba. Madrid: ArteMano.

    Vasallo Barrueta, N. (2004). La mujer cubana ante los cambios económicos. Impactos en su subjetividad. In Colectivo de Autores (Hrsg.), Crisis, cambios económicos y subjetividad de las cubanas (S. 16–28). La Habana, Cuba: Editorial Félix Varela.

  • Zitationsvorschlag:

    Moldenhauer, S. (2013). Jineterismo. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de.

Gelesen 3746 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 03 Juli 2013 17:09


Sarah Moldenhauer wurde 1986 geboren, studierte Lehramt für Deutsch und Spanisch an der Universität Leipzig und schloss dort 2011 mit dem Ersten Staatsexamen ab. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und promovierte bis 2015 am Institut für Romanistik der Universität Leipzig über kubanische Literatur im período especial. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Postmodernität, Postkolonialität, Identitätskonstruktionen, Marginalität.

Kontakt:  sarah.moldenhauer@uni-leipzig.de

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