Neuer Geschlechtervertrag

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Der Geschlechtervertrag gilt als Grundlage für einen Gesellschaftsvertrag und als Bestandteil moderner Staatlichkeit (vgl. Wilde, 2009, S. 31). Er beschreibt einen fiktiven Vertrag zwischen den Geschlechtern, welcher die Beziehungen zwischen diesen regelt und dabei Männern und Frauen unterschiedliche Rechte und Pflichten zuweist. Das Konzept des Geschlechtervertrags basiert auf der Annahme, dass es „in allen modernen Gesellschaften einen historisch gewachsenen sozio-kulturellen Konsens über die jeweilige Ausprägung der Verkehrsformen der Geschlechter, ein gemeinsam von Männern und Frauen getragenes Leitbild und Lebensmuster über die ,richtige’ Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die Familienform und die Art und Weise der Integration der beiden Geschlechter in die Gesellschaft über den Arbeitsmarkt und / oder über die Familie gibt“ (Schenk, 1995, S. 478; vgl. Patemann 1988, 1994). Die britische Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin sowie cultural studies-Vertreterin Angela McRobbie greift dieses Konzept auf und diagnostiziert einen Neuen Geschlechtervertrag. In ihrer Studie „Top Girls – Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes” (McRobbie, 2010) konstatiert sie, dass gegenwärtig jungen und gut ausgebildeten Frauen aus westlichen Ländern von Seiten neoliberaler Regierungsformen und Popkulturen ein Neuer Geschlechtervertrag („new sexual contract or new deal for young women“) (McRobbie, 2009, S. 57) ,angeboten‘ wird. McRobbie orientiert sich in ihrer Begriffsverwendung des Neuen Geschlechtervertrags vor allem an Carol Patemans Bezeichnung „The Sexual Contract“ (1988). Mit diesem Terminus kritisiert Pateman, dass es sich beim Gesellschaftsvertrag um eine bürgerliche Vertragsidee unter Männern handelt. Diese gründet auf geschlechtsspezifischen, androzentrischen Perspektiven, welche Frauen den Zugang zur öffentlichen Sphäre verwehren. (vgl. Sauer, 2001, S. 123). [1]

Das Novum an McRobbies diagnostiziertem Neuen Geschlechtervertrag liegt am Angebot, Frauen an dieser Öffentlichkeit teilhaben zu lassen. Ihnen wird ,offeriert‘ am Arbeitsmarkt erfolgreich zu partizipieren, sich weiterzubilden, selbstbestimmt einen oder auch keinen Kinderwunsch zu artikulieren und genug Geld zu verdienen, um an einer an Konsum orientierten Gesellschaft teilzuhaben (vgl. McRobbie, 2010, S. 37). Die damit (performativ) hervorgebrachten Frauen(bilder) zeigen die Erfolge in der Gleichstellung der Geschlechter und legen nahe, dass feministische Interventionen und Kritik an (patriarchalen) Herrschaftsverhältnissen nicht mehr notwendig seien (vgl. Klinger, 2014, S. 323). Im Gegenzug zur öffentlichen Sichtbarkeit wird von Frauen allerdings (implizit) erwartet, auf feministische Politik und Positionen zu verzichten (vgl. McRobbie, 2010, S. 37). McRobbie liest diese Entwicklungen als ,Abwicklung’ des Feminismus und prägt damit den Begriff des Postfeminismus. Innerhalb des Postfeminismus gibt es zwar verschiedene Spielarten des Feminismus, gleichzeitig aber auch antifeministische Tendenzen, welche die feminstischen Ziele als erreicht und sichtbar darstellen. Damit werden Feminismen als etwas Überholtes in die Vergangenheit verlegt. Die Ursachen dafür liegen laut McRobbie darin, dass insbesondere seit den 1990er Jahren wesentliche Ziele der Frauenbewegung in neoliberale Gesellschaftsentwürfe und Regierungsformen integriert und damit in einem veränderten gesellschaftspolitischen Kontext uminterpretiert wurden (McRobbie, 2010, S. 17). McRobbie verwendet den Begriff Neuer Geschlechtervertrag als Verweis auf eine weiterbestehende Form der Machtverhältnisse, die kulturelle und soziale Verhandlungen mit sich bringen sowie antifeministische Tendenzen beinhaltet. [2]

Das Konzept des Neue Geschlechtervertrages ermöglicht auch eine Analyse, mithilfe derer Machtmechanismen aufgedeckt und konkret beschrieben werden können. Hierfür geht McRobbie in ihren Ausführungen auf Gilles Deleuzes Begriff der Luminosität (luminosity) (Deleuze, 1986) auf die Sichtbarmachung ‚ausgewählter‘ Weiblichkeit ein (vgl. McRobbie, 2010, S. 88). Sie verwendet diesen Begriff als Schlüsselkonzept für die widersprüchliche Inszenierung von Weiblichkeit im (metaphorischen) ‚Scheinwerferlicht der Popkulturen‘ und des neoliberalen Geschlechterregimes. Mithilfe dieses Konzeptes geraten auch jene Diskurse ins Blickfeld der Analyse, die eine konstituierende Wirkung auf Frauen entfalten können. McRobbie betrachtet dabei vier „luminöse Aufmerksamkeitsräume“ (McRobbie, 2010, S. 93), welche Normen, Hierarchien und neu konfigurierte Klassenunterschiede reformulieren (vgl. McRobbie, 2010, S. 93): (1) Die „postfeministische Maskerade“ (McRobbie, 2010, S. 101), (2) „die Sichtbarkeit der hochgebildeten Frau“ (McRobbie, 2010, S. 108), (3) die „globale Frau“ (McRobbie, 2010, S. 127)‚ und (4) die „phallische Frau“ (McRobbie, 2010, S. 124). Mit dem Konzept der Luminosität zeigt McRobbie, wie die Macht, die Frauen kollektiv zu besitzen scheinen, vom Licht der Aufmerksamkeitsräume selbst geschaffen wird: Frauen werden dazu angehalten, aktiv die Produktion ihrer selbst zu verfolgen. Damit erhalten sie die Macht, sowohl ihre eigene Unterdrückung als auch ihre Befreiung mitzugestalten. Die Luminositäten präsentieren bzw. behaupten subtil eine postfeministische Gleichberechtigung und Freiheit, jedoch definieren und beschränken sie gleichzeitig deren Bedingungen (vgl. McRobbie 2010, S. 95). Der Blick richtet sich vor allem auf sozial anerkannte beziehungsweise tolerierte Fähigkeiten und Verhaltensweisen von jungen Frauen, die sie zu attraktiven Vorbotinnen sozialer Transformationen machen (vgl. McRobbie, 2010, S. 92). Weniger Aufmerksamkeit erhalten dagegen jugendliche Mutterschaft oder eine weniger geglückte Vereinbarung von Karriere und Familie. Diese werden – über Grenzen von Klassen und Ethnizität hinweg – als negativ bewertet und als „gescheiterte Weiblichkeit“ (McRobbie, 2010, S. 124) nicht adressiert und thematisiert, sie gelten nicht als Garantinnen für die Gleichstellung der Geschlechter (vgl. McRobbie, 2010, S. 124). [3]

McRobbies Diagnose vom Neuen Geschlechtervertrag basiert auf der Analyse verschiedener popkultureller Erzeugnisse wie Mode- und Frauenzeitschriften (Elle, Marie Claire, Grazia und Vogue), zahlreicher Filme und Serien (Bridget Jones, Sex and the City, Ally McBeal), auf der Analyse von Literatur und von auf Frauen zugeschnittener Produkte. Diese versteht sie als Medien, welche Frauen als explizit weibliche, leistungsorientierte Subjekte anrufen (McRobbie, 2009, S. 8). Sie konstatiert, dass das, was zu Zeiten der Frauenbewegungen als Zwang kritisiert wurde, jetzt betont freiwillig getan wird. Weiblichkeit bzw. Mädchenhaftigkeit wird akzentuiert und als unbeschwert-nostalgische Reminiszenz und als scheinbar nicht ernstzunehmend präsentiert (undoing of feminism) (vgl. McRobbie, 2010, S. 101). Über derartige Zurschaustellungen des Nicht-mehr-nötig-Habens oder gar des ,Schädlich-Seins‘ bzw. des ‚Zu-weit-Gehens‘ feministischer Politik, beispielsweise durch einen medialen Diskurs, indem Jungen als Bildungsverlierer darstellt werden (Fegter, 2012), konturiert sich das postfeministische Genderregime. Den Verzicht von feministischen Inhalten und Forderungen nennt McRobbie in Anlehnung an Stuart Hall „Politik der Desartikulation” (McRobbie, 2010. S. 47) (disarticulation) (Hall, 1989, 2003). Damit betont sie, dass durch diese Nicht-Thematisierung auch eine Solidarisierung zwischen den Frauen und ein intergenerationaler Austausch verhindert sowie gruppenübergreifende Solidaritäten verunmöglicht werden (vgl. McRobbie, 2010, S. 47). [4]

Auch wenn die Ausführungen zum Neuen Geschlechtervertrag auf der Analyse von Medienformaten aus Großbritannien basieren, erscheint die Übertragung ihrer Analyseergebnisse auf den deutschsprachigen Raum plausibel. Es bleibt jedoch kritisch anzumerken, dass McRobbie in ihrer Diagnose die Instrumentalisierung von erfolgreichen Frauen durch Mode-, Filmindustrie usw. zu generalisieren und alternative Bewegungen wie (Post-)Feminismen zu ignorieren scheint. Zudem bleiben in ihren Ausführungen die Konsequenzen und Veränderungen des von ihr postulierten Neuen Geschlechtervertrags für Männer(bilder) und queere Lebensformen undiskutiert. [5]

  • Literatur:

    Deleuze, G. (1986). Foucault. Minneapolis: University of Minnesota Press.

    Fegter, S. (2012). »Oder müsste ihnen nur mal jemand richtig zuhören?« Eltern, Schule und Gesellschaft als Adressaten im Mediendiskurs um Jungen als (Bildungs-)Verlierer. In D.-T. Chwalek, M. Diaz, S. Fegter & U. Graff (Hrsg.), Jungen - Pädagogik. Praxis und Theorie von Genderpädagogik (Kinder, Kindheiten, Kindheitsforschung, Band 6, S. 34–48). Wiesbaden: Springer VS.

    Hall, S. (1988). The hard road to renewal. Thatcherism and the crisis of the left. London: Verso.

    Hall, S. (2003). New Labour's Double-shuffle. Soundings, 7 (24), 10–24.

    Klinger, S. (2014). (De-)Thematisierung von Geschlecht. Rekonstruktionen bei Studierenden der Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich.

    McRobbie, A. (2010). Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes (Geschlecht & Gesellschaft, Bd. 44). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    McRobbie, A. (2009). The aftermath of feminism. Gender, culture and social change (Culture, representation and identity series). Los Angeles: SAGE.

    Pateman, C. (1988). The sexual contract. Stanford: Stanford University Press.

    Pateman, C. (1994). Der Geschlechtervertrag. In E. Appelt & G. Neyer (Hrsg.), Feministische Politikwissenschaft (S. 73–96). Wien: Verlag für Gesellschaftskritik.

    Sauer, B. (2001). Die Asche des Souveräns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte. Frankfurt a.M.: Campus.

    Schenk, S. (1995). Neu- oder Restrukturierung des Geschlechterverhältnisses in Ostdeutschland? Berliner Journal für Soziologie, 5 (4), 475–488.

    Wilde, G. (2009). Der Geschlechtervertrag als Bestandteil moderner Staatlichkeit. Carole Patemans Kritik an neuzeitlichen Vertragstheorien und ihre Aktualität. In G. Ludwig, B. Sauer & S. Wöhl (Hrsg.), Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie (Staatsverständnisse, Band 28, 1. Aufl., S. 31–45). Baden-Baden: Nomos.

  • Zitationsvorschlag:

    Klinger, S. (2014). Neuer Geschlechtervertrag. In  Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

Gelesen 5004 mal Letzte Änderung am Montag, 15 Dezember 2014 14:36


Sabine Klinger studierte Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz und schloss 2007 mit Magistra philosophiae ab. 2012 beendete sie, ebenfalls an der Universität Graz, ihr Studium der interdisziplinären Gender Studies mit dem Master of Arts. An der Philipps-Universität Marburg wurde sie für ihre Leistungen zum Thema „Spielarten der (De-)Thematisierung von ,Geschlecht’. Habituelle (Re-)Konstruktionen bei Studierenden der Erziehungs- und Bildungswissenschaften“ promoviert. Von 2009-2013 war sie hier Mitglied des Promotionskollegs „Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit Demokratie und Organisation“ und Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung. Zudem war sie Kollegiatin des Graduiertenkollegs „Repräsentation, Materialität und Geschlecht: Gegenwärtige und historische Neuformierungen der Geschlechterverhältnisse“ am Institut für Gender Studies der Universität Basel. Seit 2013 ist Sabine Klinger Universitätsassistentin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft des Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Karl-Franzens-Universität Graz. Seit 2011 ist sie als Lehrbeauftrage an verschiedenen Universitäten (z. B. an der Karl-Franzens-Universität Graz, der Philipps-Universität in Marburg, der Alpen Adria Universität Klagenfurt und an der Universität Wien) tätig.

 

Kontakt:   sabine.klinger@uni-graz.at