Queer Politics

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Mit Queer Politics (dt.: Queere Politik) wird im Allgemeinen eine spezifische Form des politischen Aktivismus beschrieben. Queerpolitische Ansätze fokussieren insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen von Geschlecht und Sexualität, die sozialen Folgen solcher Prozesse und ihre Einbindung in Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Das Wort queer bedeutet unter anderem merkwürdig oder seltsam (vgl. Hark, 2003, S. 109) und wird im US-amerikanischen Sprachraum umgangssprachlich als pejorative Bezeichnung für Schwule und Lesben gebraucht (vgl. Kraß, 2010, S. 7). Demgegenüber dient queer verschiedenen nicht-heteronormativen Akteur_innen heute auch als affirmative Selbstbezeichnung (vgl. Groß, 2008, S. 46). Im Kontext der Queer Theory (Jagose, 2001; Butler, 1991; De Lauretis, 1991) und der Queer Studies (vgl. Kraß, 2010) verweist der Begriff auf eine Denkrichtung innerhalb der neueren Geschlechterforschung. Politics beschreibt den aktiven, meist konflikthaften Prozess politischer Gestaltung. Der Begriff verweist damit auf die prozessuale Dimension von Politik und ist von Polity (formale Dimension) und Policy (inhaltliche Dimension) abzugrenzen (vgl. Nohlen, Schultze & Schüttemeyer, 1998, S. 487). [1]

Queer Politics ist in seiner heutigen Form das Ergebnis einer historischen Entwicklung, welche insbesondere durch die Befreiungskämpfe der lesbischen und schwulen sowie der feministischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Kontext der Homophilenbewegung die ersten Organisationen, die sich für die rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung von Homosexualität einsetzten (Jagose, 2001, S. 38, 46). Spätestens im Jahr 1969 kam es mit der Entstehung der Homobefreiungsbewegung, der Gay Liberation (vgl. Kraß, 2003, S. 15-16) und des lesbischen Feminismus (vgl. Jagose, 2001, S. 66) zu einem bedeutenden Paradigmenwechsel. Im Zuge dieser Entwicklungen radikalisierte sich die Bewegung und artikulierte sich deutlich herrschaftskritischer als in den Jahren zuvor (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 94). Ferner kam es zur inhaltlichen Verschiebung, hin zu einem ‚ethnischen‘ Ansatz (Jagose, 2001, S. 79), der Schwulen und Lesben eine distinkte Identität zuschrieb und ihre Anerkennung einforderte (Kraß, 2003, S. 16). Ausgelöst durch die Folgen der Aids-Krise und durch die sogenannten sex wars stießen die Identitätspolitiken der lesbisch-feministischen Bewegungen und der Gay Liberation im Laufe der 1980er Jahre jedoch zunehmend auf Kritik (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 171-173). In Folge dieser Auseinandersetzungen entstanden unter dem Label queer neue Bündnisse, die vor allem auf politischer Solidarität und nicht mehr auf einer gemeinsamen Identität aufbauten (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 182). Die Aktivitäten der Homobefreiungsbewegung und des lesbischen Feminismus haben die queere Theoriebildung und Praxis insbesondere durch die Betonung der Verwobenheit von Sexualität mit Macht und Herrschaft (Hieber & Villa, 2007, S. 166; Jagose, 2001, S. 53), durch die Kritik am Zwangscharakter der Heterosexualität (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 167; Jagose, 2001, S. 53) und an den Konstruktionen von Geschlecht (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 168; Jagose, 2001, S. 60-61) entscheidend beeinflusst. [2]

Die Queer Theory bildet den wichtigsten theoretischen Hintergrund der Queer Politics. Dabei entwickelten sich Theorie und (politische) Praxis nicht isoliert voneinander, sondern standen immer in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander. Eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung der Queer Theory bestand in der Hinwendung zum Poststrukturalismus. Identität wurde fortan als kontingent und provisorisch verstanden; dies führte zu zunehmender Kritik an der Begrenztheit von Identitätskategorien im Rahmen politischer Repräsentation (Jagose, 2001, S. 101). Queere Ansätze richten sich gegen die Essentialisierung und Vereinheitlichung von Identität und gegen die unhinterfragten Prämissen und Normen in der feministischen sowie lesbisch-schwulen Theoriebildung und ihren Bewegungsmilieus (vgl. Raab, 2011, S. 45). Anschließend an die Machtanalytik Michel Foucaults (1926-1984) ist ferner die Einbettung von Geschlecht und Sexualität in Macht- und Herrschaftsstrukturen eines der zentralen Themen queerer Theoriebildung: Sexualität wird als ein Strukturprinzip moderner Gesellschaften verstanden und fungiert damit als Achse sozialer In- bzw. Exklusion (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 177). Dies schließt auch die kritische Auseinandersetzung mit Heterosexualität, mit ihrer normierenden Wirkung und die damit verbundenen Normalisierungs- bzw. Naturalisierungsprozesse ein (vgl. Hieber & Villa, 2007, S. 177, S. 183). Ziel von Queer Politics ist daher nicht allein die Denaturalisierung der Zwei-Geschlechter-Ordnung, sondern vielmehr die Pluralisierung von Begehrensrelationen, welche nicht auf Homo-, Hetero- oder Bisexualität beschränkt seien (vgl. Engel & Schuster, 2007, S. 145). Daneben thematisieren Queer Politics beispielsweise auch die Bedeutung sozialer Institutionen (vgl. Warner, 1991, S. 6) und ökonomischer Verhältnisse (Groß & Winker, 2007, S. 8-9) oder die Verwobenheit von Geschlecht mit anderen Differenzachsen (vgl. Voss, 2005, S. 1110). [3]

Die Kritik an queeren Theorieansätzen und den damit verbundenen Politiken bezieht sich unter anderem auf die Unschärfe des Begriffs queer, welche zu dessen Beliebigkeit beitragen würde (vgl. Woltersdorff, 2004, S. 18). Teilweise wird der queeren Theoriebildung die Vernachlässigung anderer Herrschaftskategorien zugunsten einer Überbetonung von Sexualität vorgeworfen (vgl. Woltersdorff, 2003, S. 921). Darüber hinaus würden queere Ansätze Gefahr laufen – entgegen der Absicht, Identitäten aufzulösen zu wollen – neue Identitätskategorien zu schaffen (vgl. Groß, 2008, S. 192). Ferner findet sich eine Vielzahl von Autor_innen, die die Erzeugung eines spezifischen queeren Subjektes kritisieren (vgl. El-Tayeb, 2003; Haritaworn, 2005; do Mar Castro Varela & Dhawan, 2007; Wehr, 2007). So seien queere Theorie und Praxis zum Teil durch die Fokussierung auf einen weißen Mainstream charakterisiert, wodurch es zum Beispiel zum Ausschluss von Queers of Colour oder Transgender mit Beeinträchtigung kommen könne (Perko, 2007, S. 342). Nicht zuletzt verweisen Kritiker_innen auf die Nähe queerer Bewegungen zu Kommerz und Spaßkultur und beklagen einen zu starken Bezug auf das einzelne Subjekt, wodurch das Denken von Kollektivität und dessen nachhaltige Organisation verhindert werde (Woltersdorff, 2003, S. 921). [4]

  • Literatur:

    Butler, J. (1991). Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Castro Varela, M. d. M. & Dhawan, N. (2007). Queerer Aktivismus aus postkolonialer Perspektive. In G. Dennert, C. Leidinger & F. Rauchut (Hrsg.), In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben (S. 345–347). Berlin: Querverlag.

    El-Tayeb, F. (2003). Begrenzte Horizonte. Queer Identity in der Festung Europa. In H. Steyerl & E. Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.), Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik (S. 129–145). Münster: Unrast.

    Engel, A. & Schuster, N. (2007). Die Denaturalisierung von Geschlecht und Sexualität. Queer/feministische Auseinandersetzungen mit Foucault. In R. Anhorn & Bettinger, Frank, Stehr, Johannes (Hrsg.), Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme (Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit, Bd. 1, S. 135–153). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    Groß, M. (2008). Geschlecht und Widerstand. post. | queer. | linksradikal… Königstein im Taunus: Helmer.

    Groß, M. & Winker, G. (2007). Queer- | Feministische Theorie und politisches Handeln. Eine Einleitung. In M. Groß & G. Winker (Hrsg.), Queer-| feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse (S. 7–14). Münster: Unrast.

    Haritaworn, J. K. (2005). Queerer als wir? Rassismus. Transphobie. Queer Theory. In E. Haschemi Yekani & B. Michaelis (Hrsg.), Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory (S. 216–237). Berlin: Querverlag.

    Hark, S. (1993). Queer Interventionen. Feministische Studien, 11 (2), 103–109.

    Hieber, L. & Villa, P.-I. (2007). Images von Gewicht. Soziale Bewegungen, Queer Theory und Kunst in den USA (Gender Studies). Bielefeld: transcript.

    Jagose, A. (2001). Queer Theory. Eine Einführung. Berlin: Querverlag.

    Kraß, A. (2003). Queer Studies. Eine Einführung. In A. Kraß (Hrsg.), Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer studies) (Edition Suhrkamp, Bd. 2248, S. 7–30). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Kraß, A. (2009). Queer Studies in Deutschland. In A. Kraß (Hrsg.), Queer studies in Deutschland. Interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Heteronormativitätsforschung (Frankfurter kulturwissenschaftliche Beiträge, Bd. 8, S. 7–22). Berlin: trafo.

    Lauretis, T. de. (1991). Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities. An Introduction. differences: A Journal of Feminist Cultural Studies, 3 (2), iii–xviii.

    Nohlen, D., Schultze, R.-O. & Schüttemeyer, S. S. (Hrsg.). (1998). Politische Begriffe (Lexikon der Politik, Bd. 7). München: C.H. Beck.

    Perko, G. (2007). Die andere Seite. Feminismus und Queer sowie die Produktion von (struktureller) Ausgrenzung. In G. Dennert, C. Leidinger & F. Rauchut (Hrsg.), In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben (S. 340–344). Berlin: Querverlag.

    Raab, H. (2011). Sexuelle Politiken. Die Diskurse zum Lebenspartnerschaftsgesetz (Politik der Geschlechterverhältnisse, Bd. 45). Frankfurt am Main: Campus.

    Voß, H.-J. (2005). Queer politics zwischen kritischer Theorie und praktischer (Un)Möglichkeit. UTOPIE kreativ (182), 1108–1114.

    Warner, M. (1991). Fear of a queer planet. queer politics and social theory. Social Text (29), 3–17.

    Wehr, C. (2007). Queer und seine Anderen. Zu den Schwierigkeiten und Möglichkeiten queerer Bündnispolitik zwischen Pluralismusansprüchen und Dominanzeffekten. In M. Groß & G. Winker (Hrsg.), Queer-| feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse (S. 149–168). Münster: Unrast.

    Woltersdorff, V. (2003). Queer Theory und Queer Politics. UTOPIE kreativ (156), 914–923.

    Woltersdorff, V. (2004). Den Spieß umdrehen. Was sind queer politics und queer theory? iz3w (280), 15–19.

  • Zitationsvorschlag:

    Plötz, A. (2014). Queer Politics. In Gender Glossar / Gender Glossary (4 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

Gelesen 4908 mal Letzte Änderung am Montag, 15 Dezember 2014 14:25


andyploetzAndy Plötz wurde 1983 geboren und studierte Soziologie an der Universität Leipzig, an der er sein Studium 2012 mit dem Diplom abschloss. Er arbeitet aktuell als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Gleichstellungsbüro der Universität Leipzig, in dem er insbesondere für den Themenbereich Diversity verantwortlich ist. Daneben ist er als freier Bildungsreferent tätig und beschäftigt sich mit den Themen Gender, Queer, Queer Politics und Subkultur.

Kontakt:  andy.ploetz@uni-leipzig.de