Männlichkeit in der Literaturwissenschaft

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Da die Männlichkeitsforschung, die sich jenseits von biologischem Essentialismus der Erforschung kultureller Vorstellungen über das Geschlecht des Mannes verschrieben hat, relativ spät Akzeptanz in der Geschlechterforschung fand, hat sich auch in der Literaturwissenschaft erst im Lauf der 1990er-Jahre ein umfassendes Interesse an der Kategorie Männlichkeit eingestellt. [1]

Männer standen natürlich stets im Mittelpunkt des Interesses, zumal der Ausschluss der Texte von Frauen aus dem literarischen Kanon mit einer Privilegierung nicht nur männlicher Autoren, sondern auch männlicher Perspektivität im Erzählen einhergegangen war. Walter Benjamin beispielsweise definiert den Erzähler entlang maskuliner Stereotypen (der Bauer, der Seemann) als „de[n] Mann, der den Docht seines Lebens an der sanften Flamme seiner Erzählung sich vollkommen könnte verzehren lassen“ (Benjamin, 1969, S. 61). Trotzdem blieb Männlichkeit, ähnlich wie in den Sozialwissenschaften, lange Zeit ein blinder Fleck innerhalb einer Gender-orientierten Literaturwissenschaft, abgesehen von Klaus Theweleits zunächst 1977 / 78 erschienenen, wegbereitenden „Männerphantasien“ (2000). Folglich werden in einem von Ansgar Nünning (1994) verfassten Theorieabriss zu „Gender and Narratology“ noch ausschließlich feministische Ansätze gelistet. Auch die Konstruktionsmechanismen literarischer Männlichkeit blieben lange im Dunklen, denn erforscht wurden zunächst herausragende Modelle von Männlichkeit(en): einerseits dominante Leitbilder, andererseits deviante Alternativen, etwa der Dandy, der Homosexuelle, der Cross-Dresser. Später schließen unter anderem die methodisch differenzierteren, poststrukturalistisch geschulten Ansätze der Queer Theory an diese Vorarbeiten an, während in Europa zugleich die Akzeptanz der vor allem seit den späten 1980er-Jahren im angelsächsischen Sprachraum entstandenen Pionierarbeiten früher Men’s Studies-Vertreter (beispielsweise Brod, 1987) zunimmt, die für ihre Forschungen nicht selten auf literarische Quellen zurückgreifen, eine eigene Disziplin (die später nur noch als Masculinity Studies firmiert) etablieren und auf die plurale Verfasstheit von Männlichkeit insistieren. [2]

Ein entscheidender Schritt in Richtung eines differenzierteren Zugriffs auf literarische Männlichkeiten bestand in der Formulierung der seit den 1990er-Jahren immer häufiger anzutreffenden These, dass Männlichkeit durch Erzählungen (re-)produziert wird und eine fiktive Bezugsgröße darstellt (Krammer, 2007, S. 18). Sie besitzt laut Walter Erhart „eine narrative Struktur“ (Erhart, 2001, S. 9), woraus sich ableiten lässt, dass zur erfolgreichen Darbietung von Männlichkeit eine abgeschlossene Erzählung mit häufig stereotypem Episodeninventar zählt. Auch die in Verbindung mit Bourdieus These von den „ernsten Spielen des Wettbewerbs“ (Bourdieu, 1997, S. 203) stehende Beobachtung, dass Männlichkeit keinesfalls als naturgegebene, monolithische Größe existiert, sondern vielmehr „einen ungewissen und mehrdeutigen Status hat und […] durch einen Kampf, eine schmerzhafte Initiation oder eine lange und manchmal demütigende ,Lehrzeit‘ erworben werden muß“ (Horlacher, 2010, S. 196), verträgt sich mit Konzepten und Modellen der Literaturwissenschaft. So kann beispielsweise das klassische, von Joseph Campbell (1973) beschriebene Modell der Heldenreise, das sich auf alle Arten von Plotstrukturen vom mittelalterlichen aventiure-Schema bis zum Hollywood-Filmdrehbuch applizieren lässt, als Erzählung um einen zumeist männlichen Helden verstanden werden, dessen Status (als Ernährer oder Beschützer der Gemeinschaft) in Gefahr gerät und der in die Welt zieht, um durch Absolvieren von Prüfungen und Abwenden von Bedrohungen seine Männlichkeit zurückzuerobern und sich erfolgreich in der (Geschlechter-)Ordnung zu etablieren. Im Zuge der Ausdifferenzierung literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit Männlichkeit befasst sich die Forschung inzwischen auch mit dem motivischen Spektrum, mit Mentalitäten sowie Genres (vgl. Tholen, 2013). [3]

Mittlerweile hat auch die mediävistische Forschung das Thema entdeckt (Meyer, 2002), und es liegt in nahezu allen Philologien eine Fülle von Einzelstudien zur Darstellung von Männlichkeit innerhalb bestimmter Epochen (vgl. Tholen & Clare, 2013; Grénaudier-Klijn, Muelsch & Anderson, 2012) oder Autoren-Oeuvres (vgl. Horlacher, 2006) vor, wiewohl der Stand der theoretischen Reflexion unterschiedlich ausgeprägt ist. Das Ursachenspektrum hierfür wird in jüngerer Vergangenheit beispielsweise durch resümierende Vergleiche der einzelnen Philologien erschlossen (vgl. die Kapitel zu den Nationalliteraturen in Horlacher, Schötz & Schwanebeck, in Vorbereitung); in den slawischen Ländern erklärt es sich etwa durch die eine differenzierte, progressive Männlichkeitsforschung erschwerende politische Lage – man denke an die anhaltende Diskriminierung Homosexueller in Russland. Insgesamt besteht nach wie vor ein konzeptuelles Desiderat: Gelegentlich scheint das teilweise essentialistische Gender-Verständnis früherer feministischer Arbeiten durch, da es sich in der Forschung bei Männlichkeit vielfach immer noch um eine Angelegenheit zu handeln scheint, die vor allem männliche Figuren in den Texten männlicher Autoren betrifft, ungeachtet Judith Halberstams Konzeption der Female Masculinity (1998) oder der diffizilen Aushandlung von Männlichkeiten im Werk von Autorinnen wie Patricia Highsmith (Schwanebeck, 2014). [4]

  • Literatur:

    Benjamin, W. (1969). Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In W. Benjamin (Hrsg.), Über Literatur (S. 33–61). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Bourdieu, P. (1997). Die männliche Herrschaft. In I. Dölling & B. Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis (Edition Suhrkamp, 1732 = n.F., Bd. 732, 1. Aufl., S. 153–217). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Brod, H. (Hrsg.). (1987). The Making of Masculinities. The New Men's Studies. Cambridge: Unwin Hyman.

    Campbell, J. (1973). The Hero with a Thousand Faces. Princeton: Princeton University Press.

    Erhart, W. (2001). Familienmänner. Über den literarischen Ursprung moderner Männlichkeit. München: Wilhelm Fink.

    Grenaudier-Klijn, F., Muelsch, E.-C. & Anderson, J. (Hrsg.). (2012). Écrire les hommes. Personnages masculins et masculinité dans l'œuvres des écrivaines de la Belle Époque (Culture et société). Saint Denis: Presses universitaires de Vincennes.

    Halberstam, J. (1998). Female Masculinity. Durham: Duke University Press.

    Horlacher, S. (2006). Masculinities. Konzeptionen von Männlichkeit im Werk von Thomas Hardy und D. H. Lawrence (Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 64). Tübingen: Gunter Narr.

    Horlacher, S. (2010). Überlegungen zur theoretischen Konzeption männlicher Identität. Ein Forschungsüberblick mit exemplarischer Vertiefung. In S. Horlacher (Hrsg.), „Wann ist die Frau eine Frau?“ „Wann ist der Mann ein Mann?“. Konstruktionen von Geschlechtlichkeit von der Antike bis ins 21. Jahrhundert (S. 195–238). Würzburg: Königshausen & Neumann.

    Horlacher, S., Schötz, B. & Schwanebeck, W. (Hrsg.). (in Vorbereitung). Männlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler.

    Krammer, S. (2007). Fiktionen des Männlichen. Männerforschung als literaturwissenschaftliche Herausforderung. In S. Krammer (Hrsg.), MannsBilder. Literarische Konstruktionen von Männlichkeiten (S. 15–36). Wien: Wiener Universitätsverlag.

    Meyer, M. (Hrsg.). (2002). Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Tübingen: Niemeyer (Festschrift für Volker Mertens zum 65. Geburtstag).

    Nünning, A. (1994). Gender and Narratology. Kategorien und Perspektiven einer feministischen Narrativik. Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik, 42 (2), 102–121.

    Schwanebeck, W. (2014). Der flexible Mr. Ripley. Hochstapelei und Männlichkeit in Literatur und Film. Wien, Köln, Weimar: Böhlau.

    Theweleit, K. (2000). Männerphantasien (Serie Piper, Bd. 3041, 2 Bände). München: Piper.

    Tholen, T. (2013). Männlichkeit als Kategorie der Literaturinterpretation. In B. Lundt & T. Tholen (Hrsg.), „Geschlecht“ in der Lehramtsausbildung. Die Beispiele Geschichte und Deutsch (Historische Geschlechterforschung und Didaktik, Bd. 3, S. 325–346). Berlin: Lit.

    Tholen, T. & Clare, J. (Hrsg.). (2013). Literarische Männlichkeiten und Emotionen (Germanisch-romanische Monatsschrift: GRM-Beiheft, Bd. 52). Heidelberg: Winter.

  • Zitationsvorschlag:

    Schwanebeck, W. (2014). Männlichkeit in der Literaturwissenschaft. In  Gender Glossar / Gender Glossary (4 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

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wielandschwanebeck02Dr. phil. Wieland Schwanebeck wurde 1984 in Meißen geboren und studierte bis 2010 Germanistik und Anglistik an der Technischen Universität (TU) Dresden, an der er sowohl mit dem Ersten Staatsexamen Lehramt (2009) als auch mit Magister Artium (2010) abschloss. 2013 wurde er dort aufgrund einer Arbeit zu „The Adaptable Mr. Ripley: Der Hochstapler als Paradigma einer Gender-orientierten Literaturwissenschaft“ promoviert. Er war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und ist gegenwärtig wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anglistik und Amerikanistik der TU Dresden.

Kontakt: wieland.schwanebeck@gmx.de

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