Doing Gender

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Das Konzept des Doing Gender geht auf Garfinkels ethnomethodologische Untersuchung der sozialen Konstruktion der Zwei-Geschlechtlichkeit (Agnes-Studie) zurück. Die unterschiedlichen Konzeptionen des Doing Gender variieren mit der Interpretation der Omnirelevanz-Annahme und des Garfinkelschen Accountability-Konzepts (Gildemeister, 2004). Ein Gegenentwurf findet sich im Konzept des Undoing Gender. [1]

Kessler & McKenna (1978) prägen in ihrem Buch „Gender. An ethnomethodological Approach“ eine erste Fassung des Doing Gender. Dazu untersuchen sie Praktiken der Geschlechtskonstruktion von Transsexuellen (Kessler & McKenna, 1978, S. 112-141) und der Geschlechtsidentifikation bei Erwachsenen (Kessler & McKenna, 1978, S. 142-169). Sie stellen fest, dass diese Praktiken stets in der Geschlechtszuschreibung (attribution) gründen: „once people decide what you are, they interpret everything you do in light of that“ (Kessler & McKenna, 1978, S. 6). Ist eine Zuschreibung hergestellt, kann alles weitere Verhalten durch die ‚Brille‘ oder den ‚Filter‘ männlich bzw. weiblich gesehen werden. Entsprechend können wir auch Männer als unmännlich oder Frauen als unweiblich wahrnehmen, ohne an ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu zweifeln. Kessler & McKenna übernehmen damit die von Garfinkel postulierte Omnirelevanz von Geschlecht als „invariant but unnoticed background of every day life“ (Garfinkel, 1967, S. 118), modifizieren jedoch das Accountability-Konzept insofern, als dass sie die Wahrnehmbarkeit der Geschlechtszugehörigkeit schon durch die initiale Attribution als sichergestellt verstehen. Doing Gender ist den Autorinnen in erster Linie ein unserer Wahrnehmung eingeschriebenes Beobachtungsprogramm. [2]

Wie Kessler & McKenna (1978) verstehen West & Zimmerman (1987) in ihrem Aufsatz „Doing Gender“ Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal, das sich lediglich in Denken, Fühlen und Handeln niederschlägt. Anders als Kessler/McKenna heben sie jedoch weniger die Bedeutung der Wahrnehmung bzw. attribution hervor, sondern die der (inter)aktiven Her- und Darstellung und begreifen Geschlecht als ein Merkmal sozialer Situationen, das in Interaktionen routinisiert und methodisch hervorgebracht wird. Sie übernehmen also gleichfalls die Omnirelevanz-Annahme Garfinkels, interpretieren jedoch dessen Accountability-Konzept konsequent aus der Perspektive der sozialen Interaktion. Um dies analytisch zu erfassen, unterscheiden die Autorinnen zwischen der Geburtsklassifikation (Sex), der sozialen Zuordnung/Zuschreibung des Geschlechts (Sex-Category) sowie der intersubjektiven Validierung der Geschlechtskategorie in Interaktionsprozessen (Gender) (vgl. West & Zimmerman, 1987, S. 131-135). Geschlecht (Gender) ist daher das aktive ‚Tun‘ (Doing) eines Verhaltens, das an die Geschlechtskategorie (Sex-Category) angepasst ist (vgl. West & Zimmermann, 1987, S. 136). Die Autorinnen kennen kein ‚Jenseits‘ dieser Geschlechtskonstruktion: „Doing Gender is unavoidable“ (West & Zimmermann, 1987, S. 137). Abgesichert werden die Prozesse des Doing Gender durch eine Vielzahl institutioneller Arrangements und Wissenssysteme, die durch relativ vage Handlungserwartungen bis konkrete Interaktionsskripte das Komplexität reduzierende Organisationsprinzip ‚Geschlecht‘ im Alltag institutionalisieren und präsent halten (vgl. Gildemeister, 2004). West & Fenstermaker (1995) haben später das Konzept des Doing Gender zugunsten eines Doing Difference relativiert, indem sie davon ausgehen, dass andere soziale Kategorien (Rasse, Klasse) anstelle des Geschlechts in Interaktionen relevant gesetzt werden. Eine weitere Kritik stellt das Konzept des Undoing Gender dar. [3]

  • Literatur:

     

    Garfinkel, H. (1967). Studies in ethnomethodology (Social and political theory). Cambridge: Polity Press.

    Gildemeister, R. (2004). Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung. In R. Becker & B. Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie (Geschlecht und Gesellschaft, Bd. 35, 1. Aufl., S. 132–141). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    Kessler, S. J. & Mckenna, W. (1978). Gender: An ethnomethodological approach. Chicago: University of Chicago Press.

    West, C. & Fenstermaker, S. (1995). Doing Difference. Gender & Society, 9 (1), 8-37.

    West, C. & Zimmermann, D. H. (1987). Doing Gender. Gender & Society, 1 (2), 125-151.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Geimer, Alexander (2013). Doing Gender. In Gender Glossar / Gender Glossary (3 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

  • Persistente URN:

     

    urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-219558 (Langzeitarchiv-PDF auf Qucosa-Server)

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Jun. Prof. Alexander Geimer studierte Sozialwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim und der Eberhard Karls Universität Tübingen und schloss 2005 mit Magister Artium ab. Zwischen 2005 und 2007 war er unter anderem wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Freien Universität Berlin (FU), arbeitete als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Carl Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Pädagogik) und als Projektleiter für die „Evaluation des Prüfverfahrens der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)“. 2009 wurde er aufgrund seiner Arbeit „Filmrezeption und Filmaneignung. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie über Praktiken der Rezeption bei Jugendlichen“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Bis 2012 nahm er verschiedene Lehraufträge (unter anderem an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) an, arbeitete erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung) und wurde im April 2012 zum Junior-Professor für Soziologie, insbesondere Methoden qualitativer Sozialforschung, an die Universität Hamburg berufen.

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