Undoing Gender

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Das Konzept des Doing Gender nach West & Zimmerman ist in jüngerer Zeit in die Kritik geraten. Insbesondere Hirschauer (1994; 2001) hat die Frage aufgeworfen, ob durch die Annahme der Dauerrelevantsetzung das ethnomethodologische Forschungsprogramm verwässert wird. Mit seinem Vorschlag eines Undoing Gender weist er darauf hin, dass es je nach Kontext unterschiedliche Grade der Relevantsetzung von Geschlecht gibt. [1]

Stefan Hirschauer begreift das Geschlecht als Effekt von Interaktionen und lehnt sich dabei an Garfinkels ethnomethodologisches Konzept der Accountability und der Omnirelevanz von Geschlecht an, sowie zugleich als Effekt von Institutionen, wobei er sich auf Goffmans Konzept der Institutional Reflexivity (Goffman, 2001) bezieht. Aus dieser Perspektive entwickelt er einen Praxisbegriff, der für die Möglichkeiten der Relevantsetzung / der Aktualisierung und Neutralisierung / des Vergessens des Geschlechts offen ist (vgl. Hirschauer, 2001, S. 214) und dieses so nicht nur als stetigen Prozess, sondern als „diskontinuierliche Episode“ (Hirschauer, 1994, S. 680) fassen lässt. [2]

In einem elementaren Sinn gibt Hirschauer der Ethnomethodologie recht: Es herrscht ein grundlegender „Ausweiszwang“ (Hirschauer, 1994, S. 215), das heißt Personen müssen als Personen einer Geschlechtskategorie klassifizierbar sein. Aber es gibt ein Kontinuum der Salience, also variable Grade der Relevantsetzung der Kategorie (vgl. Hirschauer, 1994, S. 679), was das Doing Gender-Konzept nicht zu fassen vermag. Es ist möglich, dass Personen das Geschlecht lediglich registrieren und in der Interaktion formelhaft ‚mitlaufen lassen‘, sich aber nicht als Männer beziehungsweise Frauen adressieren und entsprechende Interaktionsskripte in Anschlag bringen (Hirschauer, 1994, S. 678). Weiter können angelaufene Interaktionsskripte, die das Geschlecht relevant setzen, leer laufen und Anschlusspunkte können vermieden werden (Hirschauer, 2001, S. 217-218). [3]

Aus institutioneller Perspektive ist es zudem möglich, dass gerade Institutionen, welche die Hervorbringung des Geschlechts anreizen (vgl. Goffman, 2001), auch dessen Neutralisierung anleiten können. Die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz in institutionellen Arrangements, die vielfältige Sexuierung von Zeichensystemen und die Bildförmigkeit und Offensichtlichkeit der Geschlechter-Darstellungen stellen eine derart umfassende und ultrastabile Struktur dar, dass die enorme Selbstverständlichkeit („informationelle Redundanz“) des Geschlechts auch zu einer Irrelevanz desselben führen kann (Hirschauer, 2001, S. 225). [4]

Außerdem ist die Vergeschlechtlichung von Personen oft ein Produkt der Vernetzung institutioneller Strukturen; z.B. sind Segregationsprozesse auf dem Arbeitsmarkt weniger auf diesen selbst als auf die Paarbildungsregeln und die Arbeitsteilung in Partnerschaften zurückzuführen (Hirschauer, 2001, S. 228). Ein sozialer Wandel im privaten Bereich kann somit einen Wandel im öffentlichen Arbeitsmarkt nach sich ziehen. Letztendlich ist also das Geschlecht auf seine konkrete Relevantsetzung in Interaktionen in bestimmten Kontexten unter der Bedingung unterschiedlicher kultureller Konfigurationen und institutioneller Arrangements zu untersuchen („kontextuelle Kontingenz“) (vgl. Heintz & Nadai, 1998). [5]

 

  • Literatur:

     

    Goffman, E. (2001). Das Arrangement der Geschlechter. In E. Goffman & H. Knoblauch (Hrsg.), Interaktion und Geschlecht (Campus Studium, 2. Aufl., S. 105–158). Frankfurt/Main, New York: Campus-Verlag.

    Heintz, B. & Nadai, E. (1998). Geschlecht und Kontext: De-Institutionalisierungsprozesse und geschlechtliche Differenzierung. Zeitschrift für Soziologie, 27 (2), 75-93.

    Hirschauer, S. (1994). Die soziale Fortpflanzung der Zwei-Geschlechtlichkeit. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46 (4), 668-692.

    Hirschauer, S. (2001). Das Vergessen des Geschlechts: Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (Sonderheft 41), 208-235.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Geimer, Alexander (2013). Undoing Gender. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

  • Persistente URN:

     

    urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-219794 (Langzeitarchiv-PDF auf Qucosa-Server)

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Jun. Prof. Alexander Geimer studierte Sozialwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim und der Eberhard Karls Universität Tübingen und schloss 2005 mit Magister Artium ab. Zwischen 2005 und 2007 war er unter anderem wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Freien Universität Berlin (FU), arbeitete als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Carl Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Pädagogik) und als Projektleiter für die „Evaluation des Prüfverfahrens der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)“. 2009 wurde er aufgrund seiner Arbeit „Filmrezeption und Filmaneignung. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie über Praktiken der Rezeption bei Jugendlichen“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Bis 2012 nahm er verschiedene Lehraufträge (unter anderem an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) an, arbeitete erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung) und wurde im April 2012 zum Junior-Professor für Soziologie, insbesondere Methoden qualitativer Sozialforschung, an die Universität Hamburg berufen.

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