Donna J. Haraway

Donna J. Haraway (*06.09.1944) ist eine US-amerikanische Biologin, Wissenschaftsphilosophin und Literaturwissenschaftlerin, die als Distinguished Professor Emerita an den Departments History of Consciousness und Feminist Studies der Universtiy of California, Santa Cruz lehrte. In dieser Position hatte sie die erste explizit der Feministischen Theorie gewidmete Professur in den USA inne (vgl. Schneider, 2005, S. 11). Haraways interdisziplinär einflussreiche Arbeiten bewegen sich in einem thematischen Schnittfeld von feministischer Erkenntniskritik, Cultural Studies, politischer Theorie und Biowissenschaften (vgl. Reed, 2006, S. 132-133). Ihre Kernfragen kreisen um die historisch-kontingente und soziale Bedingtheit von wissenschaftlichen und technologischen Praktiken, die damit verbundenen Prozesse der Alterität von Selbst und Anderem sowie um epistemologische Konsequenzen für demokratische und verantwortungsvolle Wissenspolitiken (vgl. Schneider, 2005, S. 87). In ihren Analysen geht es um die Offenlegung und historisch-spezifische Situierung von konstitutiv in die Wissenschaftspraktiken und Objektivitätsverständnisse der Moderne eingeschriebenen Differenzkonstruktionen wie Gender, Race oder Nation, aufgrund derer sich gesellschaftliche Ordnungsmuster legitimieren. [1]

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Postkoloniale Theorie

Postkoloniale Theorie bezeichnet ein breites Spektrum theoretischer Zugänge zu und kritischer Auseinandersetzungen mit historischen und gegenwärtigen Machtverhältnissen, die im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und seinen bis heute währenden Fortschreibungen stehen. Vier zentrale Anliegen postkolonialer Theorie können formuliert werden: (1) die Analyse der Konstruktion von in binärer Opposition stehenden Selbst- und Fremdrepräsentationen (Othering) in einem historischen Prozess, der durch wechselseitige Konstitution und strukturelle Ungleichheit geprägt ist (vgl. Amos & Parmar, 1984; Mohanty, 1997; Said, 1978); (2) die Untersuchung von Machtrelationen, Ausbeutung und Hierarchien, welche mittels kultureller Repräsentation und politischer Kontrolle stabilisiert werden (vgl.  Bhabha, 1994; hooks, 1989; Spivak, 1988, 1994); (3) die Analyse von Kolonisierung als gewaltsamen Prozess der Subjektkonstitution, die den domestizierten Anderen durch pädagogische und performative Praktiken erschafft (vgl. hooks, 1994, 2003, 2010); und (4) die Transformation von kolonialen (Ohn-)Machtkonzepten, die das koloniale Subjekt als handlungsunfähiges Objekt konstruieren, in (selbst-)ermächtigende Handlungskonzepte (vgl. agency bei Homi K. Bhabha, 1994 und Konzept des talking back bei bell hooks, 1989). Neben das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse tritt ein normatives political commitment, das sich in einer parteilichen, bisweilen intervenierenden Wissenschaftspraxis äußert. Der zum Teil synonym verwendete Begriff Postkoloniale Kritik rückt das politische Engagement stärker in den Fokus. [1]

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Geschlechterdispositiv

Die Bezeichnung Geschlechterdispositiv basiert auf dem Dispositivbegriff, wie er von dem Philosophen und Historiker Michel Foucault (1926-1984) eingeführt wurde. Er definiert das Dispositiv als ein „heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst“ (Foucault, 1978, S. 119-120). Die Verbindungslinien zwischen diesen Elementen – ein Konglomerat von machtvollen Praktiken – machen nach Foucault das Dispositiv aus, wie er es anhand des Sexualitätsdispositivs beschrieben hat (Foucault, 1977). Geschlecht wird diesem dispositivtheoretischen Verständnis nach als gesellschaftliche, kulturelle Praxis hervorgebracht gedacht und als Wirkung eines „Machtbeziehungsbündels“ (Lorey, 1999, S. 94) von Subjektivierung, Diskursivierung und Materialisierung verstanden. [1]

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Subjekt

Subjekt ist die folgenreiche Selbstbeschreibung des modernen Menschen, mit der sich dieser als Grundlage von Erkenntnis und als Ursache von Handlungen setzt. Die historischen Ursprünge dieses selbstreferenziellen Verständnisses gehen nicht zuletzt auf Descartes’ (2008 [1641]) Verankerung der Selbstgewissheit des ‚Ich’ im eigenen Denken zurück und finden in Kants (1998 [1781]) Verortung der Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis im apriorischen Denkapparat des Subjekts eine paradigmatische Begründung. Gegen diese eher atomistischen Vorstellungen setzte Hegel (1986 [1807]) wiederum die Annahme einer grundlegenden Intersubjektivität; erst indem es sich im Anderen reflektiere, entstehe das Selbstbewusstsein. Aus einer feministischen Perspektive ist dieses moderne Subjektverständnis insofern folgenschwer, als es nicht nur ein spezifisches Verhältnis von (individueller) Innerlichkeit und äußerlichen (erkennbaren und potentiell beherrschbaren) Bedingungen impliziert, sondern weil zudem der Anspruch einer allgemeinen menschlichen Subjekthaftigkeit konstitutiv mit einer binären Geschlechterordnung verbunden ist: Die „Generalisierung des Mannes zum Menschen“ ging historisch mit der „Besonderung der Frau“ (Honegger, 1991, S. 6) zum Objekt, zum ‚Anderen’ des Mannes, einher. [1]

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Feministische Geographie

Die feministische Geographie verfolgt drei miteinander verbundene Anliegen: Verstanden als geographische Geschlechterforschung untersucht sie den Zusammenhang von gesellschaftlicher Räumlichkeit und Geschlechterverhältnissen (Massey, 1994; Bauriedl, Schier & Strüver, 2010; Schurr & Wintzer, 2011; Wastl-Walter, 2010). Sie fokussiert auf das Verhältnis von sozialen Prozessen einerseits und ihrer räumlichen Organisation andererseits und zeichnet nach, welche Rolle Räumen in der Konstruktion von sozialen Identitäten und Beziehungen sowie in der Produktion und Aufrechterhaltung von Ungleichheitslagen zukommt. Im Rahmen wissenschaftstheoretischer Debatten wird nach Möglichkeiten der Integration feministischer und geographischer Theoriebildung gesucht und der implizite Androzentrismus in Geschichte und Gegenwart geographischen Denkens und Forschens kritisiert (Rose, 1993; Moss, 2002; Mott & Roberts, 2014; Domosh, 1997). Disziplinpolitisch lenken feministische Geograph_innen die Aufmerksamkeit auf bestehende Ungleichheitsverhältnisse und geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen in der Hochschulgeographie. [1]

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