Postkoloniale Theorie

Postkoloniale Theorie bezeichnet ein breites Spektrum theoretischer Zugänge zu und kritischer Auseinandersetzungen mit historischen und gegenwärtigen Machtverhältnissen, die im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und seinen bis heute währenden Fortschreibungen stehen. Vier zentrale Anliegen postkolonialer Theorie können formuliert werden: (1) die Analyse der Konstruktion von in binärer Opposition stehenden Selbst- und Fremdrepräsentationen (Othering) in einem historischen Prozess, der durch wechselseitige Konstitution und strukturelle Ungleichheit geprägt ist (vgl. Amos & Parmar, 1984; Mohanty, 1997; Said, 1978); (2) die Untersuchung von Machtrelationen, Ausbeutung und Hierarchien, welche mittels kultureller Repräsentation und politischer Kontrolle stabilisiert werden (vgl.  Bhabha, 1994; hooks, 1989; Spivak, 1988, 1994); (3) die Analyse von Kolonisierung als gewaltsamen Prozess der Subjektkonstitution, die den domestizierten Anderen durch pädagogische und performative Praktiken erschafft (vgl. hooks, 1994, 2003, 2010); und (4) die Transformation von kolonialen (Ohn-)Machtkonzepten, die das koloniale Subjekt als handlungsunfähiges Objekt konstruieren, in (selbst-)ermächtigende Handlungskonzepte (vgl. agency bei Homi K. Bhabha, 1994 und Konzept des talking back bei bell hooks, 1989). Neben das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse tritt ein normatives political commitment, das sich in einer parteilichen, bisweilen intervenierenden Wissenschaftspraxis äußert. Der zum Teil synonym verwendete Begriff Postkoloniale Kritik rückt das politische Engagement stärker in den Fokus. [1]

weiterlesen ...

Feministische Filmtheorie

Feministische Filmtheorien erforschen Kino als kulturelle Institution und untersuchen vor allem seine geschlechtsspezifischen Repräsentationsstrategien, seine Subjektivitätskonzepte und seine geschlechterdifferenten Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Zum Einsatz kommen dabei analytische Ansätze des Poststrukturalismus wie Semiotik, Psychoanalyse, Dekonstruktion und Diskuranalyse, aber auch ethnografische oder soziologische Modelle, welche die Geschlechterlogiken und -codierungen des Films sowie ihre Koinzidenz mit anderen Medien und kulturellen Phänomenen zu beschreiben ermöglichen. [1]

weiterlesen ...

Geschlechterdispositiv

Die Bezeichnung Geschlechterdispositiv basiert auf dem Dispositivbegriff, wie er von dem Philosophen und Historiker Michel Foucault (1926-1984) eingeführt wurde. Er definiert das Dispositiv als ein „heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst“ (Foucault, 1978, S. 119-120). Die Verbindungslinien zwischen diesen Elementen – ein Konglomerat von machtvollen Praktiken – machen nach Foucault das Dispositiv aus, wie er es anhand des Sexualitätsdispositivs beschrieben hat (Foucault, 1977). Geschlecht wird diesem dispositivtheoretischen Verständnis nach als gesellschaftliche, kulturelle Praxis hervorgebracht gedacht und als Wirkung eines „Machtbeziehungsbündels“ (Lorey, 1999, S. 94) von Subjektivierung, Diskursivierung und Materialisierung verstanden. [1]

weiterlesen ...

Queer Politics

Mit Queer Politics (dt.: Queere Politik) wird im Allgemeinen eine spezifische Form des politischen Aktivismus beschrieben. Queerpolitische Ansätze fokussieren insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen von Geschlecht und Sexualität, die sozialen Folgen solcher Prozesse und ihre Einbindung in Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Das Wort queer bedeutet unter anderem merkwürdig oder seltsam (vgl. Hark, 2003, S. 109) und wird im US-amerikanischen Sprachraum umgangssprachlich als pejorative Bezeichnung für Schwule und Lesben gebraucht (vgl. Kraß, 2010, S. 7). Demgegenüber dient queer verschiedenen nicht-heteronormativen Akteur_innen heute auch als affirmative Selbstbezeichnung (vgl. Groß, 2008, S. 46). Im Kontext der Queer Theory (Jagose, 2001; Butler, 1991; De Lauretis, 1991) und der Queer Studies (vgl. Kraß, 2010) verweist der Begriff auf eine Denkrichtung innerhalb der neueren Geschlechterforschung. Politics beschreibt den aktiven, meist konflikthaften Prozess politischer Gestaltung. Der Begriff verweist damit auf die prozessuale Dimension von Politik und ist von Polity (formale Dimension) und Policy (inhaltliche Dimension) abzugrenzen (vgl. Nohlen, Schultze & Schüttemeyer, 1998, S. 487). [1]

weiterlesen ...

Subjekt

Subjekt ist die folgenreiche Selbstbeschreibung des modernen Menschen, mit der sich dieser als Grundlage von Erkenntnis und als Ursache von Handlungen setzt. Die historischen Ursprünge dieses selbstreferenziellen Verständnisses gehen nicht zuletzt auf Descartes’ (2008 [1641]) Verankerung der Selbstgewissheit des ‚Ich’ im eigenen Denken zurück und finden in Kants (1998 [1781]) Verortung der Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis im apriorischen Denkapparat des Subjekts eine paradigmatische Begründung. Gegen diese eher atomistischen Vorstellungen setzte Hegel (1986 [1807]) wiederum die Annahme einer grundlegenden Intersubjektivität; erst indem es sich im Anderen reflektiere, entstehe das Selbstbewusstsein. Aus einer feministischen Perspektive ist dieses moderne Subjektverständnis insofern folgenschwer, als es nicht nur ein spezifisches Verhältnis von (individueller) Innerlichkeit und äußerlichen (erkennbaren und potentiell beherrschbaren) Bedingungen impliziert, sondern weil zudem der Anspruch einer allgemeinen menschlichen Subjekthaftigkeit konstitutiv mit einer binären Geschlechterordnung verbunden ist: Die „Generalisierung des Mannes zum Menschen“ ging historisch mit der „Besonderung der Frau“ (Honegger, 1991, S. 6) zum Objekt, zum ‚Anderen’ des Mannes, einher. [1]

weiterlesen ...