Performativität

Der Begriff Performativität geht zurück auf die Sprechakttheorie und wurde insbesondere von dem Sprachphilosophen John L. Austin ‚ins Spiel‘ gebracht. Er verweist mit dem Terminus auf die handlungspraktische Dimension des Sprechens, d.h. dasjenige zu vollziehen oder zu produzieren, was im Sprechen benannt wird, und es nicht lediglich zu bezeichnen. Beispielsweise wird mit der Äußerung: „Hiermit erkläre ich Sie zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten“ von Standesbeamt_innen gegenüber einem Hochzeitspaar das Referenzobjekt, die Ehe, im Sprechen erst hervorgebracht. In die soziale Realität wird insofern verändernd eingegriffen, als dass das Hochzeitspaar nunmehr – aufgrund des Sprechakts – als verheiratet gilt. Sprechakte können somit nicht hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts, sondern lediglich hinsichtlich ihres Gelingens beurteilt werden (Austin, 1972). Jedoch sind Sprechakte nicht zwingend und ausschließlich als performativ zu verstehen: Austin differenziert hier z.B. die lokutionäre (die Handlung des Etwas-Sagens), die illokutionäre (die im Sprechen vollzogene Handlung) und die perlokutionäre (Effekte, die durch das Sprechen erreicht werden) Dimension des Sprechakts. [1]

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Doing Gender (nach West/Zimmerman)

Wie Kessler/McKenna (1978) verstehen West/Zimmerman in ihrem Aufsatz „Doing Gender“ (1987) Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal, das sich lediglich in Denken, Fühlen und Handeln niederschlägt. Anders als Kessler/McKenna heben sie jedoch weniger die Bedeutung der Wahrnehmung bzw. Attribution hervor, sondern der (inter)aktiven Her- und Darstellung und begreifen Geschlecht als ein Merkmal sozialer Situationen, das in Interaktionen routinisiert und methodisch hervorgebracht wird. Sie übernehmen also gleichfalls die Omnirelevanz-Annahme Garfinkels, interpretieren jedoch dessen Accountability-Konzept konsequent aus Perspektive der sozialen Interaktion, die einen formenden Prozess eigener Art darstellt (vgl. Gildemeister 2004). Um dies analytisch zu erfassen, unterscheiden die Autorinnen (vgl. West/Zimmerman 1987: 131ff.) zwischen der Geburtsklassifikation (Sex), der sozialen Zuordnung/Zuschreibung des Geschlechts (Sex-Category) sowie der intersubjektiven Validierung der Geschlechtskategorie in Interaktionsprozessen (Gender). Geschlecht (Gender) ist ein stetiges ‚Tun‘ von der Geschlechtskategorie (Sex-Category) adäquatem Verhalten: „virtually any activity can be assessed as to its womanly or manly nature [...], to 'do' gender [...] is to engage in behavior at the risk of gender assessment“ (ebd.: 136).

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Garfinkels Agnes-Studie

Harold Garfinkel (1967) untersucht in seiner ethnomethodologischen Studie über Agnes, die er mit einem Therapeuten im Prozess der Geschlechtsumwandlung begleitet, die Praktiken der alltäglichen, interaktiven Produktion des Geschlechts. Ähnlich wie in seinen Krisenexperimenten beobachtet er auch hier die Herstellung von ‚Normalität‘ anhand der Abweichung davon, in der Her- und Darstellung des Geschlechts durch die Mann-Frau-Transsexuelle Agnes. [1]

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Doing Gender

Das Konzept des Doing Gender geht auf Garfinkels ethnomethodologische Untersuchung der sozialen Konstruktion der Zwei-Geschlechtlichkeit (Agnes-Studie) zurück. Die unterschiedlichen Konzeptionen des Doing Gender variieren mit der Interpretation der Omnirelevanz-Annahme und des Garfinkelschen Accountability-Konzepts (Gildemeister, 2004). Ein Gegenentwurf findet sich im Konzept des Undoing Gender. [1]

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Undoing Gender

Das Konzept des Doing Gender nach West & Zimmerman ist in jüngerer Zeit in die Kritik geraten. Insbesondere Hirschauer (1994; 2001) hat die Frage aufgeworfen, ob durch die Annahme der Dauerrelevantsetzung das ethnomethodologische Forschungsprogramm verwässert wird. Mit seinem Vorschlag eines Undoing Gender weist er darauf hin, dass es je nach Kontext unterschiedliche Grade der Relevantsetzung von Geschlecht gibt. [1]

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Doing Gender (nach Kessler/McKenna)

Garfinkel spricht bereits von Doing Accounts bzw. in seiner Transsexuellen-Studie von Agnes als „Doer of the accountable person“ (Garfinkel, 1967: 181), jedoch noch nicht von einem Doing Gender. Erst Kessler/McKenna prägen in „Gender. An ethnomethodological Approach“ (1978) eine erste Fassung dieses Begriffs. Die Arbeit dient der Klärung der Frage: „How is a social reality where there are two and only two genders constructed?“ (Kessler/McKenna 1978: 3) Dazu untersuchen sie Praktiken der Geschlechtskonstruktion von Transsexuellen (ebd.: Kapitel 5) und der Geschlechtsidentifikation bei Erwachsenen (ebd.: Kapitel 6). Sie stellen fest, dass diese Praktiken stets in der Geschlechtszuschreibung (Attribution) gründen: „once people decide what you are, they interpret everything you do in light of that“ (ebd.: 6). Ist eine Zuschreibung hergestellt, kann alles weitere Verhalten durch die ‚Brille‘ oder den ‚Filter‘ männlich bzw. weiblich gesehen werden. Entsprechend können wir auch Männer als ‚unmännlich‘ oder Frauen als ‚unweiblich‘ wahrnehmen, ohne an ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu zweifeln. Kessler/McKenna übernehmen damit die von Garfinkel postulierte Omnirelevanz von Geschlecht als „invariant but unnoticed background of every day life“ (Garfinkel 1967: 118), modifizieren jedoch das Accountability-Konzept insofern, als dass sie die Wahrnehmbarkeit der Geschlechtszugehörigkeit schon durch die initiale Attribution sichergestellt verstehen. ‚Doing Gender‘ ist den Autorinnen in erster Linie ein unserer Wahrnehmung eingeschriebenes Beobachtungsprogramm.

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Garfinkels Transsexuellen-Studie: Agnes

Garfinkel untersucht in seiner Transsexuellenstudie über ‚Agnes‘ die Praktiken der alltäglichen interaktiven Produktion des Geschlechts. Ähnlich wie in seinen Krisenexperimenten beobachtet er auch hier die Herstellung von ‚Normalität‘ anhand der Abweichung davon, der Her- und Darstellung ihres Geschlechts durch die ‚Mann-Frau-Transsexuelle‘ Agnes. Interessant daran ist, so Garfinkel, die signifikant paradoxe Lage, in der sich Transsexuelle befinden: Sie weichen einerseits von den allgemein als selbstverständlich hingenommenen Eigenschaften des Geschlechts nach dem Alltagswissen ab und orientieren sich andererseits doch selbst daran. Vom Standpunkt eines erwachsenen Mitglieds unserer Gesellschaft hat das Geschlecht u.a. die folgenden Eigenschaften (vgl. Garfinkel, 1967: 122ff.):

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Undoing Gender

Stefan Hirschauer begreift das Geschlecht als Effekt von Interaktionen und lehnt sich dabei an Garfinkels Konzept der Accountability und der Omnirelevanz von Geschlecht (Garfinkel, 1967) an, sowie zugleich als Effekt von Institutionen, wobei er sich auf Goffmans Konzept der Institutional Reflexivity (Goffman, 2001) bezieht. Aus dieser Perspektive entwickelt er einen Praxisbegriff, der für die Möglichkeiten der Relevantsetzung / Aktualisierung und Neutralisierung / Vergessen des Geschlechts offen ist (vgl. Hirschauer 2001: 214) und dieses so nicht nur als stetigen Prozess, sondern als „diskontinuierliche Episode“ (Hirschauer 1994: 680) fassen lässt.

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Arbeitsmarktsegregation

Unter Segregation (lat. segregare: teilen, absondern) wird die ungleiche Verteilung von Gruppen mit spezifischen Merkmalen auf verschiedene Bereiche oder Positionen in der Gesellschaft verstanden. Im Kontext der geschlechtsspezifischen Arbeitsmarktsegregation wird die Ausdifferenzierung nach Geschlecht innerhalb verschiedener Sphären der Erwerbsarbeit in den Blick genommen. Konkret handelt es sich um die Ungleichheit in der Präsenz von Männern und Frauen in Betrieben, Berufen, Berufsfeldern oder auf Hierarchieebenen (Achatz, 2008). Dabei ist festzustellen, dass die Geschlechtersegregation in der Regel negative Auswirkungen, wie beispielsweise schlechtere Bezahlung oder geringere Aufstiegschancen, auf Frauen hat (Teubner, 2008, S. 501). [1]

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Geschlechterdispositiv

Die Bezeichnung Geschlechterdispositiv basiert auf dem Dispositivbegriff, wie er von dem Philosophen und Historiker Michel Foucault (1926-1984) eingeführt wurde. Er definiert das Dispositiv als ein „heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst“ (Foucault, 1978, S. 119-120). Die Verbindungslinien zwischen diesen Elementen – ein Konglomerat von machtvollen Praktiken – machen nach Foucault das Dispositiv aus, wie er es anhand des Sexualitätsdispositivs beschrieben hat (Foucault, 1977). Geschlecht wird diesem dispositivtheoretischen Verständnis nach als gesellschaftliche, kulturelle Praxis hervorgebracht gedacht und als Wirkung eines „Machtbeziehungsbündels“ (Lorey, 1999, S. 94) von Subjektivierung, Diskursivierung und Materialisierung verstanden. [1]

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