Anliegen der Ethnomethodologie

Die Grundlagen der Ethnomethodologie lassen sich als harsche Kritik der Sozial- und Kulturwissenschaften verstehen: Diese sind nach Harold Garfinkel, dem Begründer der Ethnomethodologie, ‚nur‘ ein Diskurs neben anderen, wie der biologische oder journalistische, und basieren wie auch Alltagsdiskurse auf impliziten und unhinterfragten Annahmen über die Welt. Während diese nicht hinterfragten Selbstverständlichkeiten den Sozialwissen-schaftlern/innen eine Ressource für die Forschung sind, so sind sie hingegen der Erkenntnisgegenstand der Ethnomethodologie (vgl. Zimmerman & Pollner 1976). Hirschauer & Amann diagnostizieren in Anlehnung an diesen Vorwurf der Verwechslung von Gegenstand und Mittel der Forschung noch 30 Jahre nach Erscheinen der „Studies in Ethnomethodology“ (Garfinkel, 1967) ein Professionalisierungsdefizit in den Sozialwissenschaften. Eine mögliche Behebung desselben sehen sie in der „Befremdung der eigenen Kultur“ (Hirschauer & Amann, 1997: 7). Die Exotisierung des Vertrauten erlaubt das Gewöhnliche und Selbstverständliche nicht als gegeben, sondern ‚gemacht‘ zu sehen. Die Prozesse der stetigen, interaktiven und lokalen Herstellung („ongoing accomplishment“, Garfinkel 1967: 1) der Alltagswirklichkeit zu untersuchen, ist das Anliegen der Ethnomethodologie. Ihre leitende Frage lautet: Welcher formalen und methodischen Praktiken bedienen sich Gesellschaftsmitglieder, um die geordnete Struktur ihrer Alltagswelt interaktiv hervorzubringen? (vgl. Garfinkel, 1967: 4 u. 11, Bergmann, 2000) Dazu sind die scheinbar selbstverständlichen Common-Sense-Praktiken der Anwendung von Kategorien, Typisierungen, Wissensbeständen zunächst „einzuklammern“ und ihrer hartnäckigen Fraglosigkeit zu berauben.

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Ethnomethodologie und Geschlecht

Die Prozesse der stetigen, interaktiven und lokalen Herstellung („ongoing accomplishment“, Garfinkel, 1967, S. 1) der Alltagswirklichkeit zu untersuchen, ist das Anliegen der Ethnomethodologie, die dem interpretativen Paradigma der Soziologie zugerechnet wird. Ihre leitende Frage lautet: Welcher Praktiken bedienen sich Gesellschaftsmitglieder, um die geordnete Struktur ihrer Alltagswelt interaktiv hervorzubringen (vgl. Garfinkel 1967, S. 4 & S. 11)? Geschlecht wird entsprechend als ein interaktiv hergestelltes Merkmal sozialer Ordnung begriffen. [1]

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