Christian Berger


christianbergerChristian Berger, BA ist juristischer Mitarbeiter beim Klagsverband und studiert Rechtswissenschaften, Gender Studies und Sozioökonomie in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Legal Gender Studies, interdisziplinäre Rechtsforschung, Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsrecht und Politische Ökonomie.

Kontakt: christian.berger@s.wu.ac.at

Frauen- und Geschlechtergeschichte

Frauen- und Geschlechtergeschichte verfolgt das Anliegen, die Gewordenheit von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen zu verstehen, bisherige Darstellungen darüber kritisch zu hinterfragen und neue Erzählungen des Vergangenen für die Gegenwart zu entwickeln. Geschichtsschreibung beabsichtigt, die Vergangenheit darzustellen. Sie drückt das Prozesshafte des gesellschaftlichen Werdens aus und wendet sich gegen die Ahistorisierung von Ideen, Ereignissen und Zuständen. Zugleich ist Geschichte von den Interpretationen und Narrativen ihrer Produzent_innen geprägt (vgl. Koselleck, 1975, S. 691–715). Im 19. Jahrhundert wird unter dem Einfluss des Historismus durch die Heranziehung von empirischen Methoden die Geschichtsschreibung ‚verwissenschaftlicht‘ (Lutz, 2003, S. 66–68). Diese ‚allgemeine‘ Geschichtswissenschaft beansprucht, die Vergangenheit anhand der Quellen so darzustellen, ‚wie es eigentlich gewesen ist‘ (vgl. Ranke, 2011 [1824], S. 94; Droysen, 2011 [1868], S. 199). Die damit einhergehenden Prämissen der Neutralität und Unparteilichkeit verschleiern jedoch ihre eigene Ideologieanfälligkeit (vgl. Nietzsche, 2009 [1884]; Troeltsch, 2008 [1922]; Wecker, 2007, S. 29–30). Materielle, ideologische und dabei auch geschlechterhegemoniale Konzepte werden durch die ‚allgemeine Geschichte‘ als ‚natürlich‘ dargestellt. Feministische Historiker_innen streben hingegen eine Emanzipation von einem Geschichtsverständnis an, das die Vergangenheit als ‚Geschichte großer Männer‘ darstellt, die Binarität der Geschlechter als gegeben ansieht und männliche Hegemonie reproduziert (vgl. Kelly-Gadol, 1977; Bridenthal & Koonz, 1977). Sie beforschen die historischen Dimensionen von Geschlechterordnungen, deren Transformationen sowie Intersektionen und Wechselwirkungen mit anderen Kategorien sozialer Differenz. Frauen- und Geschlechtergeschichte setzt sich eine Vergeschlechtlichung von historischen Narrativen, Methoden und geschichtstheoretischen Ansätzen wie Geschichte von unten, Ethnohistorie, Oral History und Alltags- und Mikrogeschichte zur Aufgabe. Dieser emanzipatorische Zugang lässt sich auch unter den Begriff feministische Geschichtswissenschaft fassen. Mit ihren multiperspektivischen, interdisziplinären, postkolonialen und intersektionalen Ansätzen (vgl. Cox, 1999) verfolgen feministische Historiker_innen nicht zuletzt auch geschichtskulturelle und -politische Ziele. [1]

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