Das Präfix ‚trans-‘ ist aus dem Lateinischen hergeleitet und bedeutet jenseits - im Gegensatz zu ‚cis‘ diesseits. Wird das Präfix trans- vor Begriffe wie Geschlecht, Migration oder Kultur gesetzt, verweist es auf „Phänomene der spannungsreichen und unaufgelösten Ko-Präsenz von gegensätzlichen Semantiken, Sinn-Komponenten oder Zugehörigkeiten“ (Lösch, 2005, S. 252-253). Das mit trans* verbundene Erkenntnisinteresse zielt auf die Untersuchung der Herstellung von vermeintlichen Eindeutigkeiten in empirischer wie konzeptuell-theoretischer Hinsicht sowie auf damit einhergehende Ausschlüsse und Verwerfungen. Im Mittelpunkt stehen Momente „der Ungewissheit, der Unentscheidbarkeit und des Widerspruchs, die in Differenzkonstruktionen auf der Basis binärer Ordnungslogik ausgeblendet werden“ (Lösch, 2005, S. 252). [1]

Dienstag, 07 Juni 2016 08:47

Frauenbewegungen in Deutschland

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Frauenbewegung in Deutschland steht für kollektive Bestrebungen von vornehmlich Frauen in Gruppen, Organisationen und Netzwerken für die Gleichstellung der Geschlechter auf sozialer, kultureller, rechtlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene unter Berücksichtigung der Differenz der Geschlechter (vgl. Gerhard, 1999, S. 87). Erste Betrachtungen von Frauenbewegungen als Phänomen und Gegenstand der Wissenschaft finden sich bereits im 19. Jahrhundert und nehmen im 20. Jahrhundert deutlich zu. Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Publikationen erscheinen, die sowohl die kulturellen Bedingungen von Frauenbewegungen national und international als auch die Werke und Biographien von historischen Protagonistinnen untersuchen (vgl. Lange & Bäumer, 1901–1906; Adler, 2014 [1906]), kommt es im Nationalsozialismus und nach 1945 nahezu zu einem Stillstand der Forschung in Deutschland. Ab den 1970er Jahren nehmen historiographische Studien zur Frauenbewegung zu, die als Teil der Frauenforschung das Handeln von Frauen in der Vergangenheit systematisch sichtbar machen wollen. Mit diesem geschichtswissenschaftlichen Zugang werden auch eine feministische Wissenschaftskritik und die Forderung nach einer Neuschreibung der Geschichte formuliert, in der Frauen Akteurinnen der Geschichte sind. Ein weiterer Ansatz zur Erforschung von Frauenbewegungen kommt seit den 1970er Jahren aus der sozialen Bewegungsforschung. Diese erfuhr zunächst Kritik, da sie Frauenbewegung nicht in ihrer Gesamtwirkung als eigenständige und politische, sondern lediglich als thematisch begrenzte Bewegung analysierte. In einer erweiterten Perspektive ist sie heute selbstverständlicher Teil einer transnationalen Bewegungsforschung, die kollektives soziales Handeln unter Berücksichtigung politischer Kontexte, ihrer Transformationen und Gelegenheitsstrukturen analysiert (vgl. Gerhard, 2008; Lenz, 2004). [1]

Montag, 18 April 2016 05:03

Hannah Arendt

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Hannah Arendt (1906-1975) war Philosophin und Professorin für politische Theorie an der Graduate Faculty der New School for Social Research, New York. 1906 wurde sie in Hannover geboren und wuchs in Königsberg (Preußen) auf. Von 1924-28 studierte sie Philosophie, protestantische Theologie und griechische Philologie in Marburg, Heidelberg und Freiburg, unter anderem bei Martin Heidegger (1889-1976) und Karl Jaspers (1883-1969). Bei Jaspers promovierte sie 1928 zum „Liebesbegriff bei Augustin“ (1929). Ihre Habilitationsschrift „Rahel Varnhagen: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ (1959 [1957]) konnte 1933 wegen des herrschenden Antisemitismus nicht mehr offiziell eingereicht werden. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten veranlasste Arendt zur Flucht, und erst 1957 kam es zur Erstveröffentlichung. 1971 klagte Arendt erfolgreich auf „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Personen, die aus Verfolgungsgründen gehindert wurden, die akademische Laufbahn eines Hochschullehrers einzuschlagen“ (Bundesverfassungsgericht, 1971). 1933 emigrierte sie nach Frankreich, 1941 nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod 1975 lebte (Ludz, 1997b; weitere wichtige Biographinnen sind zudem Young-Bruehl, 2004; Kristeva, 2001). In den USA war sie zunächst journalistisch tätig und über freie wissenschaftliche Arbeit mit unterschiedlichen akademischen Einrichtungen verbunden. Obwohl sie Philosophie studiert hatte, verstand sie sich selbst nicht als Philosophin. Zu sehr sah sie die Philosophie in der Tradition der Metaphysik verhaftet, die sie ablehnte. Dennoch wurde sie und wird sie auch heute noch der Philosophie zugeordnet (Ludz, 1997a, S. 44-45). In der feministischen Theorie wird vorrangig „Vita activa“ (2003 [1958]) rezipiert (weitere wichtige Schriften sind zudem 1955 [1951]; 1963; 1998; sowie Ludz, 1993). Arendt entwickelt hierin einen Begriff des Politischen, der bezüglich seiner Anschlussfähigkeit an feministische politische Theorie diskutiert wird. [1]

Dienstag, 24 November 2015 16:15

Biopolitik / Biomacht

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In öffentlichen Debatten wird Biopolitik als (ungenauer) Sammelbegriff für bioethische, ökologische, demographie- und familienpolitische Debatten genutzt. In sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussionen, und insbesondere in den gender studies, verweist der Begriff zumeist auf die Arbeiten von Michel Foucault (1926-1984). Foucault (1977a; 1999; 2004) stellt mit dem Begriff der Biopolitik eine sowohl historisch-genealogische als auch systematische Analyseperspektive vor. Aus einer historischen Perspektive betrachtet verdeutlicht der Begriff, wie die Organisation von und die Sorge um Leben in der Moderne ins Zentrum der Politik rückt. In systematischer Hinsicht beschreibt er einen Modus der Politik, dessen Zielscheiben das Leben der Bevölkerung sowie der menschliche Individualkörper sind. Ergänzt und spezifiziert wird dieses Konzept der Biopolitik durch den Begriff der Biomacht. Biomacht steht für ein Verständnis von Macht, das nicht primär verbietet und beschränkt, sondern produktiv und auf Lebenssteigerung ausgelegt ist. Entsprechend impliziert Biopolitik eine ambivalente, ebenso fürsorgliche wie kontrollierende Form der Machtausübung. [1]

Dienstag, 24 November 2015 15:38

Feministische Geographie

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Die feministische Geographie verfolgt drei miteinander verbundene Anliegen: Verstanden als geographische Geschlechterforschung untersucht sie den Zusammenhang von gesellschaftlicher Räumlichkeit und Geschlechterverhältnissen (Massey, 1994; Bauriedl, Schier & Strüver, 2010; Schurr & Wintzer, 2011; Wastl-Walter, 2010). Sie fokussiert auf das Verhältnis von sozialen Prozessen einerseits und ihrer räumlichen Organisation andererseits und zeichnet nach, welche Rolle Räumen in der Konstruktion von sozialen Identitäten und Beziehungen sowie in der Produktion und Aufrechterhaltung von Ungleichheitslagen zukommt. Im Rahmen wissenschaftstheoretischer Debatten wird nach Möglichkeiten der Integration feministischer und geographischer Theoriebildung gesucht und der implizite Androzentrismus in Geschichte und Gegenwart geographischen Denkens und Forschens kritisiert (Rose, 1993; Moss, 2002; Mott & Roberts, 2014; Domosh, 1997). Disziplinpolitisch lenken feministische Geograph_innen die Aufmerksamkeit auf bestehende Ungleichheitsverhältnisse und geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen in der Hochschulgeographie. [1]

Montag, 07 September 2015 00:00

Diversity

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Unter Diversity (dt.: Vielfalt) wird die Heterogenität und Diversifizierung sozialer Lebenslagen und sozialer Zugehörigkeiten verstanden, die in Folge von unter anderem Migrationsbewegungen, veränderten Geschlechterbeziehungen und der Pluralisierung von Familienformen in westlichen Gesellschaften zunehmen bzw. stärker thematisiert werden als zuvor. Dabei ist eine Lesart vorherrschend, die Diversity als gesellschaftliche und besonders als ökonomische Ressource, als Potenzial, betrachtet. In diesem Zusammenhang weist Vertovec (2012) darauf hin, dass sich mit dem Diversitydiskurs ein allmählicher, tiefgreifender Wandel der social imaginary (der symbolischen Ordnung oder gesellschaftlichen Vorstellungswelt) abzeichnet, der zu einer zunehmenden Anerkennung von sozialer Komplexität führe. [1]

Montag, 17 August 2015 00:00

Gender Medizin

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Gender Medizin (im englischen Gender-Specific Medicine oder kurz Gender Medicine) ist eine Disziplin der Humanmedizin, die den Einfluss von biologischem (Sex) und psychosozialem Geschlecht (Gender) gemäß dem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit und Krankheit (Legato, 2009) berücksichtigt. Diese Fachrichtung untersucht Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Gesundheitserhaltung und -förderung, Entstehung von und Umgang mit Krankheiten sowie deren Diagnose und Behandlung. Ziel ist es, die Lebensqualität über die gesamte Lebensspanne zu erhalten und eine optimale medizinische Versorgung aller Geschlechter zu ermöglichen. Dabei findet in der Medizin üblicherweise ein binäres Geschlechtermodell (Mann/Frau) Verwendung, das nicht alle Vorstellungen eines vielfältigen Zusammenspiels möglicher Sex- und Genderkategorien berücksichtigt (Short, Yang & Jenkins, 2013). [1]

Donnerstag, 11 Juni 2015 00:00

Virginia Woolf

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Virginia Woolf (1882-1941; gebürtig Adeline Virginia Stephen) war eine englische Schriftstellerin, Verlegerin, Essayistin, Tagebuchverfasserin, sowie Literatur- und Kulturkritikerin, die als Wegbereiterin der literarischen Moderne gilt. Aufgewachsen unter dem Einfluss viktorianischer Erziehungsideale, blieb ihr als Frau eine reguläre Schul- und Universitätsausbildung verwehrt. Durch ihren Vater, Leslie Stephen (1832–1904), war Woolf als Mitglied einer Intellektuellenfamilie jedoch mit den wichtigsten literarischen und kulturellen Strömungen der vorherigen Jahrhunderte vertraut (vgl. Gordon, 1984, S. 74-77). Es war unter anderem diese Vorbildung, die sie befähigte, neben ihrer schriftstellerischen Laufbahn Gründungsmitglied und Mittelpunkt der intellektuellen Bloomsbury Group und Mitbegründerin der Hogarth Press (1917) zu werden, welche maßgeblich an der Verbreitung moderner englischer und amerikanischer Literatur in Großbritannien beteiligt waren. Trotz oder gerade wegen dieser, für Frauen jener Zeit eher ungewöhnlichen, persönlichen Erfolge, verhandelte Woolf wiederkehrend die geteilten Lebens- und Bildungssphären der Geschlechter, sowohl in ihrer erzählenden Prosa als auch in einem Teil ihrer kritischen Essays. Insbesondere die prototypisch-feministischen Essaywerke A Room of One’s Own (Ein Zimmer für sich allein, 1999b) und Three Guineas (Drei Guineen, 2001a) sowie die in dem Sammelband Frauen und Literatur (1989a) zusammengestellten Essays wurden innerhalb der feministischen Literaturwissenschaft und feministischen Kritik ab Anfang der 1970er Jahre am stärksten rezipiert. Auch autobiografische Aspekte Woolfs zogen durch die Veröffentlichung ihrer Tagebücher (vgl. Woolf, 1990, 1994, 1999a, 2003, 2008) und die späte Herausgabe von bis dato unveröffentlichten und sehr persönlichen Essays (vgl. Woolf, 2012) große Aufmerksamkeit auf sich. Woolf ist jedoch nicht nur als historische Person, sondern gerade durch ihr literarisches, essayistisches und (kultur-)politisches Schaffen ein für die Gender Studies komplexer Untersuchungsgegenstand. [1]

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